Das zweite Leben Obersturmbandführer Kerners

1936
Goebbels hatte gesprochen.
Kerner schauderte es noch immer; seine Finger zitterten, als der schwere Knopf hinabfederte und er den Volksempfänger abschaltete. Dieser Mann war ein Prophet, der Prophet einer neuen Zeit!
Und Klaus Kerner hob sein Glas um auf Josef Goebbels zu trinken.
Kerner brachte es weit im Geist der neuen Zeit und ein prächtiger Lehrer neuer Wahrheiten war er, ein schillerndes Beispiel arischen Geistes.
Vor dem Exelsior in Berlin begegnete er einmal Goebbels selbst. Und er hatte mit der gleichen Ehrfurcht seine Hand ergriffen mit der er dem einst knisternden Lautsprecher gelauscht hatte. Goebbels war der Prophet und Goebbels war Wahrheit. Seit dieser schicksalshaften Begegnung hatte Kerner mit noch mehr Herz gelehrt. In seinem Heimatdorf, nahe Spandau, war er bald so gefürchtet wie geschätzt. Wenn es jemanden zu denunzieren gab kam man zu Kerner. Allmonatlich inspizierte er die Schulen und führte Akten über jeden am Dorf. Es galt ihm, das Denken rein zu halten, das Denken und das Fleisch. Dabei fühlte er sich nicht als das Werkzeug irgend einer Ideologie, nein, Kerner war die Ideologie. Dafür respektierte man an höherer Stelle selbst seine Eigenarten...
Er schätzte junge Mädchen und alte Bücher, verkehrtein okkulten Kreisen, nahm an Séancen teil und war Mitglied einer geheimen germanischen Loge. All das aber widersprach kaum dem Geist der neuen Wahrheit und goren faule Gedanken in Kerners Kameraden, dann war er es, der sie auszumerzen pflegte.
So war selbst sein abergläubisches Gehabe arischer Natur bis auf einen Gedanken: den der Wiedergeburt.
Ein ägyptischer Papyrus, den er mitsamt seiner Übersetzung im Nachlaß eines jüdischen Kaufmannes gefunden hatte, war Ursprung seines Interesses an dieser Idee. Der Papyrus, der 'Schlüssel des Thot' behandelte sieben Initiationen in einem Zyklus der Reinkarnation, die sogar die Wahrung der Persönlichkeit des reinkarnierten Individuums einschlossen.
Kerners Nächte gehörten jenem Buch und er folgte - sich selbst sein eigener Lehrer - dem Weg des Akolyten. Er war ein Chirurg, pflanzte den Geist des Reiches in die Herzen und Köpfe und ließ, wenn es Not tat, auch manchen zur Ader. Jeder deutsche Gedanke würde - selbst noch in hundert Jahren gedacht - den fruchtbaren Keim des tausendjährigen Reiches in sich tragen! Seinen Teil wußte Kerner zu tun, ein eifriger Chirurg bis in den Krieg.
1945
"Obersturmbandführer! Es ist vorbei, der Krieg ist verloren."
Ein aufgeregter Uniformierter sprang in Kerners Schreibbarracke.
"Wiederholen sie das Soldat!"
"Der Krieg ist..."
Kerners Mauser bellte einen arischen Gedanken und der Soldat sackte in die Knie.
"Das ist nicht wahr! Sie sind ein Lügner, Soldat!“
Er ordnete seine Papiere und erledigte seine Schreibarbeiten. Dann inspizierte er wie gewohnt die Schule und erschoß im Verlauf des Tages drei weitere Leute, die ihm vom Scheitern der Wehrmacht berichteten.
Es war undeutsch, am Endsieg zu zweifeln.
Doch als gegen Abend russische Panzer am Horizont auftauchten, konnte auch Kerner es nicht länger leugnen. Sein Feldstecher log nicht.
Eine russische Vorhut fand den Obersturmbandführer am späten Abend in einem Kellerraum, über einem Pergament kniend. Sein Oberkörper war nackt und übersät von Schnittwunden, denen beinahe eine Ordnung innezuwohnen schien und in seiner nackten Brust ragte das Parteizeichen.
In gebrochenem Deutsch forderte man ihn auf, mitzukommen und als seine Mauser einmal mehr zum Bellen anhob, flackerten seine Augen in einem irren Blau. Die Garben eines halben Dutzends russischer Maschinengewehre schleuderten ihn gegen die Wand und zu Boden, wo er über dem 'Schlüssel des Thot' sein Leben aushauchte. Kerner genoß seine letzten keuchenden Atemstöße.
Keine zehn Minuten zuvor hatte er die letzte Initiation beendet.
Er würde wiederkehren und mit ihm Geist des tausendjährigen Reiches! Und auch dann würde er Menschen finden, in denen dieser Geist fortlebte!
1955
"Es ist ein Junge, Herr Hartmann, ein süßer kleiner Junge!"
Ein Junge. Das war gut.
Er würde sich nicht erst an einen anderen Körper gewöhnen müssen. Er schrie, wie man es von einem Neugeborenen erwartet, und währenddessen schossen aberviele Gedanken durch seinem Kopf.
"Ein Stammhalter! Ein kleiner deutscher Stammhalter!"
Er sah die Freude im Gesicht seines Vater und erkannte im gleichen Atemzug, daß noch alles da war, von Hitlers Eröffnungsworten zu den Spielen von 1936, über Goethes Zauberlehrling, den Kerner irgendwann einmal in der Schule hatte lernen müssen bis hinein in alles was Obersturmbandführer Kerner je gewußt oder erfahren hatte.
Er lachte auf, wieherte beinahe vor Freude und all das klang wie die Schreie eines Neugeborenen. Er wollte strampeln, schreien, seinen Körper fühlen und er jauchzte lauter, als er seine Arme und Beine ausstreckte, aber...
"Was ist mit seinem Arm?"
Sein Vater schien sich zu sorgen.
"Es muß an den Medikamenten..."
"Medikamente?"
"Mach dir keine Sorgen, Ernst?"
Kerner wunderte sich, und das schrumpelige Kindergesicht legte sich in Falten; das war keine Sorge auf dem Gesicht seines Vaters...
"Medikamente sollen mir diesen verkrüppelten Bastard beschert haben?"
Bastard? Verkrüppelt? Verwachsen womöglich, ein wenig vielleicht, aber...
Sein Vater entriß ihn den Armen seiner Amme.
" Medikamente, das ich nicht lache! Es ist das Gas, es ist noch immer in der Luft!"
Er trug das Kind aus dem Zimmer.
Kerner schrie.
"Russengas! Russenbastard! Vor zwanzig Jahren, da..."
In den starken Armen seines Vaters schwankte Kerner hin und her und seine Augen huschten unruhig umher.
" Ernst? Was tust du, Ernst?"
Das Bad? Warum das Bad?
Kerner wand seinen kleinen Kopf und sah die Mutter, die ihrem Mann halb aufgerichtet nachspähte.
"Was ich tue?"
Er spürte eine kräftige Männerhand an seinem Hinterkopf. Es war ein sonderbares Gefühl, beinahe beruhigend und aus großen verweinten Kinderaugen blickte er seinen Vater an.
Für einen Moment nur sahen sie sich in die Augen. In diesem Moment hatte Kerner das Gefühl, als hätte man ihm sein Gebrechen verziehen, hatte die unbestimmte Gewißheit, daß nun alles gut würde und er in einer guten deutschen Familie sein zweites Leben beginnen würde.
" Was soll ich schon tun?"
Kerners Blick streifte die Einrichtung des Badezimmers, dann sah er die Kloschüssel, sah sie näher- und näherkommen.
" Ich ersäufe diesen kleinen Krüppel..."

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