Haus im Wald

Fünf Zimmer, kein Strom.

Bereits sein Anblick verzauberte mich.
Natürlich war es klein, ein verwunschenes Hexenhaus, so weit entfernt von der Stadt, mußte es einfach sein. Es hatte jenen rauhbeinigen Charme, den ich von alten Blockhäusern her kannte, war ein spröder und grotesker Klotz, ein mickeriger Moloch, der hier, auf irgendeiner Lichtung, umsäumt von Bäumen, deren Namen ich nicht einmal kannte, vor sich hin dämmerte...
Die Fenster duckten sich verschüchtert in den Schatten und verbargen sich, als würde das noch nicht reichen, zudem noch hinter dunklen hölzernen Läden.
Grob gefugte Steine fügten sich an- und in- und übereinander, verbunden von wuchernden Moosen, die die ganze Hütte beinahe wie ein Netz von Arterien überzogen. Sie schien einem unwirklichen Traum entsprungen und jeder Schritt an den verwachsenen Mauern entlang ließ mich ein neues aufregendes Detail erkennen oder erahnen.
Schon nachdem ich zweimal um das Haus herum geschlichen war, kam ich zu dem Schluß, daß für mich kein anderes in Frage kam.
Die Hütte gehörte Samuel Steinert, einem Immobilienlandwirt aus der Gegend, mit dem ich bis zu diesem Tag nur schriftlich verkehrt hatte.
Auf dem Rahmen ihrer Vordertür fand ich, wie er es mir beschrieben hatte, den Schlüssel. Ich hatte Steinert zwar mitgeteilt, erst am folgenden Tag einzutreffen, hatte dann aber doch eine Möglichkeit gefunden, bereits heute zu kommen.
Auf dem Weg hatte ich zwar überlegt, ob ich bei ihm vorbeischauen sollte, war dann aber zu dem Schluß gekommen, daß, wenn ich schon von dem Schlüssel wußte, mir das Haus auch allein ansehen konnte.
Man merkte deutlich, daß es kälter wurde.
Der Weg vom Bahnhof war lang genug gewesen. Ich fror und meine Beine taten mir weh. Mein Körper schien die gesamte Kälte dieses Tages schlucken zu wollen und mein Rucksack schien mir inzwischen wie Blei.
Aber nun war ich da.
Die Tür öffnete sich so leicht, als ob sie gerade erst geölt worden wäre und das Innere der Hütte war um einiges wärmer als dieser Tag.
Die Dielen stöhnten leise auf, als ich mein Gepäck in die Ecke warf.
Außer dem ersten gab es noch vier weitere Zimmer. Eines, das Steinert als Gästezimmer bezeichnet hatte, eine Schlafkammer (die ihre Bezeichnung nur durch einige Decken am Boden verdiente), ein mittelgroßes Eßzimmer und ein größeres, das nach hinten wies.
Mochten diese Räume noch so spartanisch scheinen, sie waren nicht kalt, wie die städtischen Apartments die ich kannte; sie hatten Persönlichkeit. Daß es hier weder Strom noch fließendes Wasser gab, hatte ich gewußt. Für mich hatte es den Reiz nur erhöht.
Die Hütte schien beinahe so verwunschen, daß selbst das karge Mobiliar sich einem Fluch zu beugen schien und sich verhalten in schattige Winkel duckte. Es waren ein Schrank, drei Stühle und zwei Tische. All diese Möbelstücke waren auf die verschiedenen Zimmer verteilt und schienen dabei ohne Alter und Charakter. Unwissende Durchreisende in der Geschichte eines wunderlichen Ortes.
Sie gehörten hier nicht her.
In dem nach hinten weisenden Raum lag noch ein alter Teppich, der mit Sicherheit einige Geschichten hätte erzählen können. Die meisten Geschichten aber bargen die Mauern dieses Hauses, krumme Bastarde, die leise zu flüstern schienen...
Jeder Raum schien einen anderen Architekten gehabt zu haben. Nicht in zwei Räumen waren die Wände gleich. Nicht einmal die Böden waren es; verliefen im Eingangsraum grobe ungeschlachte Bohlen, so hatte das Eßzimmer einen feinen blanken Dielenboden, während das ‘Schlafzimmer’ ein abgewetztes rötliches Parkett hatte, das ‘Gästezimmer’ einen grauen Teppichboden und der Raum nach hinten heraus unbehauene Steinfliesen.
Diese Hütte war ein Hybride, ein unverfrorenes Vermischen verschiedener Stile und Temperamente und im Endeffekt war alles wie es sein sollte; nur ein kleiner Abstellraum hätte vielleicht noch gefehlt...
Im Verlauf des Nachmittages holte ich meine Blöcke und meine Brille hervor und fertigte einige Skizzen zu den Geschichten eines Freundes. Als hätten sie darauf gewartet, schossen die Linien mir aus der Hand. Kaum das eine sich auf das Blatt gelegt hatte, folgt die nächste und sie peitschten mich bis es dunkel wurde.
Mit der Dämmerung stellte ich Kerzen auf.
Mein kleines Märchenhaus erwachte und seine Mauern zitterten unruhig im flackernden Licht, das bis in ihre Fugen floh.
Während ich mir die Räume bei Kerzenschein beschaute, entdeckte ich etwas in der Schlafkammer, zwischen einigen Decken. Ein handgeschriebenes Büchlein, das offensichtlich eine Art Tagebuch war.
Kaum, daß mein kleiner Kerzenscheinstreifzug beendet war, warf ich es zunächst zu meinen Skizzenblöcken. Ich hatte noch einen Brief zu schreiben, und würde es mir wohl danach ansehen.
So gut es eben ging, wollte ich meiner Frau mein Erleben dieser Mauern nahebringen. Wie hatte sie gezetert, als ich sie wieder einmal nicht mitgenommen hatte. Eigentlich mußte sie sich inzwischen daran gewöhnt haben. Schließlich verschwand ich jedes Jahr gegen Ende des Sommers, um ein bißchen neue Luft zu atmen und irgend etwas zu entdecken...
Ihr Bild!
Ich fingerte das Photo aus dem Rucksack hervor und stellte es vor mich auf den Boden. Irgendwie wirkte sie fremd hier.
Es schien beinahe, als ob das Haus sich weigerte sie anzunehmen.
Das zu ändern lag an mir und ich würde sie zu einem Teil dieser Räume machen, wenn nötig auch gegen deren Willen.
Als nächstes kramte ich Hammer und Nägel aus meinem Gepäck.
Eine kräftige Bö jagte über das Haus und ließ es angstvoll aufstöhnen.
Ich wählte im ‘Schlafraum’ die Wand gegenüber dem Fenster aus. Den Hammer in der einen, das Foto in der anderen Hand, bewegte ich mich darauf zu und es schien, als versuchte die Wand zurückzurücken, mir zu entkommen, als bewegte sich das Parkett unter meinen Füßen und versuchte, mir Angst einzuflößen.
Ich fegte die flatternden Gespenster des unruhigen Lichtes aus meinen Gedanken, lehnte den Bilderrahmen an die Wand, setzte den Nagel an und hob den Hammer.
Eine neuerliche Bö erschütterte das Haus und der Hammer sauste auf meinen Daumen nieder.
Ich fluchte und das Haus atmete auf.
Dann aber lag der Hammer fester als zuvor in meiner Hand und tief trieb ich den Nagel in das Haus.
Kaum daß er die Oberfläche durchstoßen hatte- Putz, verdammt, was hätte es anderes sein sollen als Putz? - schoß etwas aus dem Loch. Flüssig war es und zwei, drei weitere Schübe folgten, dann versiegte es. - Es gab hier verdammt noch mal keine Leitungen.... - Mein Hemd war völlig versaut. Angewidert zupfte ich mir den feuchten Stoff von der Haut. Es war warm und ... es schien es Blut zu sein!
Als hätte ich dem Haus eine Wunde geschlagen, blutete es aus der Wand und anklagend ragte mein Nagel mir daraus entgegen.
Das Blut lief langsam die Wand hinab und tropfte auf das Bild.
Verstört beugte ich mich über das Loch -es war wirklich nur ganz winzig- und versuchte irgend eine Erklärung für das Ganze zu finden. Dann zog ich mein Offiziersmesser hervor und riß die Wunde wißbegierig weiter auf.
Das Haus zitterte und schwankte, jammerte und schrie und wehklagend schienen die Wände sich gegeneinander zu verschieben.
Das war kein Wind, kein Sturm, das war Schmerz.
Tatsächlich schien die Verkleidung der Wände eine Art Haut. Darunter lag nacktes Fleisch, Nerven, Muskeln Sehnen. Stränge, die tiefer in die Wand und unter ihr entlang verliefen. Darunter - oh ja, ich bohrte weiter in der Wunde - lagen Knochen...
Ich sah mich um. Und - ich hätte es früher merken sollen - an keiner Wand in diesem Haus gab es etwas. Keine Bilder oder Regale, nichts. Die Wände waren nackt, kahl und bleich und atmeten...
Das Buch!
Womöglich fand sich darin etwas, ein Eindruck, eine Entdeckung, eine Erklärung. In den Deckel war ein unleserlicher Name geprägt. Die ersten Seiten überschlug ich, schienen sie mir doch kaum wirklich interessant. Drei Seiten vor Ende der Eintragungen jedoch hatte der Schreiber die Hütte bezogen. Es war im vergangenen Sommer gewesen und er ein leidenschaftlicher Angler. Irgendwann hatte auch er etwas bemerkt. Bei ihm waren es die Räume gewesen,deren Größe sich verändert hatte; geringfügig nur, aber doch verändert. Zunächst hatte er es für eine Täuschung gehalten, später aber hatte er nachgemessen.
Auch wenn er es nicht als solches bezeichnete, wußte ich, daß er das Atmen meinte. Es folgte einiges wirres Zeug und dann endeten die Aufzeichnungen abrupt und mitten im Satz...
Ich fragte mich, was mit diesem Mann geschehen war und mir kam ein schrecklicher Gedanke: was, wenn das Haus ihn gefressen hatte?
Diesem Gedanken allerdings hing ich nicht lange nach, denn plötzlich riß jemand mir das Buch aus der Hand.
"Ah ja, das Tagebuch. Herr Tschirner hat es bereits vermißt."
Meine Theorien zerplatzten wie ein Seifenblasengebilde und mit einem Mal war alles um mich anders. Das Haus schien bloß noch Haus und konnte weder atmen noch schreien.
Der Mann vor mir trug einen grünen Lodenmantel und einen Jagdhut.
Er musterte mich und war scheinbar ob meiner Schmächtigkeit überrascht.
"Guten Abend, Herr Gronert. Ich darf doch annehmen, daß Sie Herr Gronert sind?"
Ich nickte versonnen, irgendwo zwischen meinen Phantasien und der Wirklichkeit gefangen, auf der Jagd nach Seifenblasen.
"Steinert mein Name. Man hat mir gesagt, daß Sie schon angekommen wären und da dachte ich mir..."
"Hat das Haus Sie gerufen?" ich meinte das vollkommen ernst und schaute ihm in die Augen.
"Wie? Ach ja, Sie haben wohl die Aufzeichnungen gelesen."
Ich nickte wieder, wendete meinen Blick allerdings nicht von ihm ab.
"Irgendwas stimmte nicht mit ihm. Er meinte tatsächlich, das Haus würde sich bewegen oder so etwas. Ich denke, er ist inzwischen irgendwo in Therapie."
Ich sprang auf und rannte ins Schlafzimmer.
Die Wunde hatte sich geschlossen. Dort wo sie gewesen war, lag eine Erhöhung, die ungleich poröser schien als der Rest der Wand.
Schorf. Aber das Blut war noch dort!
"Da sind Sie noch keinen Tag hier und haben schon so einen Batzen Dreck hier reingetragen.", Steinert war mir in den Schlafraum gefolgt.
"Das ist kein Dreck."
"Nein?"
"Es ist Blut."
"So, so." Steinert mußte lächeln, oder zumindest tat er so als ob.
"Warten Sie!" Ich holte das Messer hervor und wollte gerade zu einem Stich ansetzen, als er mir in den Arm griff.
"Nein. Lassen Sie das. Ich werde Ihnen alles erzählen."
Und Steinert erzählte:
Er hatte das Häuschen irgendwann zusammen mit dem Waldstück gekauft. Damals hatte es nur einen Raum gehabt und er hatte es abreißen und Fichten pflanzen wollen. Dann hatte auch er es bluten sehen. Aus irgendwelchen Gründen hatte er es stehen - am Leben - gelassen und es fortan vermietet.
Es war ein hübscher Ferienort für verschrobene Gemüter, nur gab es eben weder Strom noch Wasser. Mit den Jahren sei es dann gewachsen und er selbst würde das Wachstum des Häuschens beinahe wie das eines Sohnes verfolgen.
Mißtrauisch war ich allerdings noch immer.
"Und was frißt es?" Ich dachte noch immer an diesen Tschirner.
"Es lebt von Gedanken."
Ich schaute mich noch einmal um. Das war ein einziges Märchen, war wunderbar, großartig! Von all der Aufregung wurde mir beinahe etwas flau.
Steinert zückte einen silbernen Flachmann aus seinem Lodenmantel und goß den Deckel voll.
"Wissen Sie, Sie sind der erste, dem ich all das erzähle. Sie ahnen gar nicht, wieviel Schnaps ich am Anfang brauchte."
Er reichte mir den Deckel und ich schüttete das Zeug hinunter.
Ein wohliger Schauer durchfuhr mich und ich streckte ihm den Becher zum Nachfüllen entgegen.
Nach dem zweiten Becher war mir etwas sonderbar zumute.
"Wissen sie Gronert, eigentlich fehlt hier noch eine kleinere Abstellkammer."
Ich horchte auf.
"Na ja, es wächst schließlich nicht ganz von allein."
In diesem Moment wünschte ich mir, nicht getrunken zu haben.
Steinert nahm mich bei der Hand und half mir auf.
Ich fühlte mich schlecht.
Er stützte mich und führte mich hinüber in das Eßzimmer. Als wäre ich ein Brett lehnte er mich dort an die Rückwand und musterte mich noch einmal.
"Sie sind zwar wirklich etwas schmächtig, aber ich denke es wird reichen."
Plötzlich meinte ich zu fühlen, wie ich zurück und in der Wand versank.
Ich ruderte mit den Armen, und vergrub mich dadurch nur tiefer in der nachgebenden Mauer.
Um mich herum pulste und waberte warmes Fleisch, schmolzen Knochen und das Haus hieß mich willkommen.
Dann schloß die Wand sich vor mir.
Es ist noch nicht lange her, daß ich aufgewacht bin.
Ich atme wieder ruhiger.
Zwar sehe ich nichts, kann weder meine Arme noch meine Beine bewegen, aber ich spüre alles. Ich spüre, wie Steinert in mich hineintritt, mit der Hand anerkennend über meine Wände fährt und zufrieden nickt: Ich spüre, wie er meine Sachen hineinwirft und sachte meine Tür ins Schloß drückt.
Oh Gott, ich fühle mich schrecklich.
Nein, nicht wirklich schrecklich, vielmehr wie eine kleine Abstellkammer...

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