Nennt uns Vampire

Die Rede des unseligen Vampirs Villain du Boaz, aufgegriffen zwischen marodierenden Truppen in den Wirren des 30-jährigen Krieges, gehalten vor der Vollstreckung seines Urteils in der Nacht des siebenten April 1642 im Dom zu Münster.

"Ihr, ihr seid spielende Kinder in allem und nicht eurer Spiele Regeln achtend ging ich in euer Netz.

Unser Dasein öffnet das letzte Portal, und in jeder von euch erdachten Wissenschaft wächst der dahinter schaute über euch hinaus. Ihr last kein Buch der Welt siebzig Male, und kanntet keinen eurer Philosophen selbst. Hohl und leer seid ihr trotz Doktorgrad und -titel und eure Künste sind bloß blasse Schatten.

Bevor euer Ikarus sich auf den Weg zur Sonne gemacht, war einer von uns am Mond schon erfroren Jede Lüge, die ein Mensch zu ersinnen vermag hat man nach hundert Jahren aberhundert Mal gehört und Euer Hassen und Lieben belächeln wir stumm. Denn klein pflegt ihr zu lieben und zu leben. Doch lächeln wir im Dunkeln, euch nicht zu beschämen.

Nennt uns Vampire, wir sind was ihr zu sein nicht wagt.

Ihr webt uns wider eure Religion da wir uns darein nicht fügen, Doch Paläste könnte man streichen mit dem Blut das bis zu diesem Tag im Namen Eurer Kirchen floß. Davon ab scheint's gerade dieser Tage widersinnig im Namen irgend eines Gottes irgendwen zu richten. Doch schon meiner Unheiligkeit wegen werdet ihr euch kaum davon abbringen lassen.

Verteidigung kann meiner Worte Sinn nicht sein. Denn ich habe mein Wesen mir so wenig vorzuwerfen wie ihr das eure euch. Und steh ich unter eurer Anklage auch nicht als einer von euch. ist doch der Satan nicht mein Pate; denn euer Teufel hat so wenig wie euer Gott mit mir im Sinn... Dabei stand an meiner Wiege einer Eurer Priester und ich war nicht weniger Mensch als ihr bis zu jener schicksalsschweren Stunde...

Die einzige Frau die ich niemals vergesse ist jene, die mich biß. Und in meinem Blute trieben wir in jener Nacht auf düsterrote Ozeane. Ihre Zähne waren das Siegel und ihr Leib eine Fessel aus Fleisch mir, sie stillte ihre Gier und fachte mir die meine an. Oh, ich danke der Blutmutter das Geschenk jener Nacht und ihrem tiefsten Kusse weihte ich mein Leben.

Nennt uns Vampire, wir sind eure verbotenen Träume.

Die schönsten eurer Töchter verfielen mir dankbar, eure besten Söhne sind unser und mit Stolz tragen wir das Mal uns'rer Herkunft.

Nennt uns Vampire, wir sind die fleischgewordene Nacht.

Niemand, der je einen Vampir geküßt, wird sich nach euren schalen Lippen länger sehnen. Das Mal ist das Tor, dahinter keine Grenze länger ist.. Jede eurer kleinen Leidenschaften bekommt dort ein anderes Gesicht und Nacht liegt über jenen roten Ozeanen in denen man abermals und wieder und Nacht für Nacht ertrinkt.

Nennt uns Vampire, wir sind das letzte Wagnis.

Und so einfach wie die Fledermäuse eurer Krypten werdet ihr uns nicht vertreiben. Wir sind nicht Ratten und Mäuse, wir sind was ihr wärt, wärt ihr wahrhaftig.

Nennt uns Vampire, doch in unseren Zähnen spiegelt sich Eure Angst, länger als ein Leben in Euch selbst gefangen zu sein...

Denkt nicht wir täten es gerne. Es widert uns an, das Blut von Kreaturen wie euch zu trinken."

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