Big Brother mit Noten

oder
Deutschland sucht den Superstar

Eine Eröffnungssequenz wie aus dem Computerkurs einer Provinzgrundschule führt uns in eine neue Dimension der Samstagabendunterhaltung: hier moderieren zwei Leute auf eine derart innovative Art, dass leere Phrasen sich im Vergleich dazu in hochsinnschwangere Gebilde verwandeln.
Während wir jedenfalls diesen geschmacklosen Anzug und diese halb heraushängende Brust betrachten, fragen wir uns beschämt: muss man die kennen?
Nun ja, Michelle Hunziker war mal Model und hat mit Eros Ramazotti geschlafen. Carsten Spengemann ist „Schauspieler“. Da das jedoch kaum reichen kann, wird er wohl auch mit Eros Ramazotti geschlafen haben.
Wie man Moderator wird, wissen wir also schon, nun jedoch zu den Superstars: Während unsere beiden Moderatorenersatzstoffe ungezwungen auf Teletubbieniveau daherplaudern, beginnt der Einzug unserer Popstaranziehpuppen. Carsten Klemmfinger Spengemann verrät uns: „Sie haben viel zu tun in letzter Zeit, Auftritte, Autogrammstunden, aber halt das hat sic nicht davon abgehalten, ihren Traum aus den Augen zu verlieren!“. Bravo, das gibt Applaus! Und sie haben viel zu tun in letzter Zeit ; Gastauftritte in DEUTSCHLAND SUCHT DIE DOOFSTE FRISUR und dann noch singen. Zum Beispiel bei „Wetten dass“ und vor allem dieses kleine Lied von Dieter Botox-Bohlen, das eigentlich keinen richtigen Text hat. Aber wer Heavy Rotation auf VIVA, willkürliche Einspielungen im RTL Programm und vorschlaghammereske Werbung hat, braucht keinen Text für eine edelmetallene Schallplatte. Also freuen wir uns über diesen unerwarteten Erfolg, der genaugenommen ebenso überraschend ist, wie die Scherze unserer Aushilfsmoderatoren spontan sind und uns wundert, das auf dem Album alles gleich klingt und die Hälfte trotzdem geklaut ist.
Aber jetzt fangen unsere Kandidaten an zu singen.
Und darum geht es eigentlich.
Merkt man aber nicht.
Wenn nun jeder zwei Minuten sänge und die Jury zu jedem äußerte, dauerte das Ganze sogar bei sieben Teilnehmern höchstens zwanzig Minuten.
Aber da geht ja nicht viel Werbepause rein.
Also lassen wir sie noch einmal dieses blöde Lied singen und inflationieren dann auch noch die standing ovations.
Das bringt eine halbe Minute pro Klatschkaskade und ist nicht das einzige was inflationiert wird. Dank Michelle Hunziker und Shona Frazer gibt es nämlich mindestens genau so viele grammatikalische Fehler wie standing Ovations. Wobei wir von Frau Frazer lernen dürfen, was man zu jemandem sagt, der sich seit dem letzten Mal nicht verbessert hat: „Du hast Dich nicht gestiegen.“. Grammatikalisch nicht ganz korrekt, aber da wir schon bei Shona Frazer sind, können wir auch gleich bei der Jury, diesen apokalyptischen Reitern der Abendunterhaltung, bleiben:
DIETER BOHLEN. Den kennt man. Warum ist nicht ganz sicher. Sagt von sich selber, dass er nicht singen kann, kopuliert semiselektiv bundesweit und schreibt Bücher über beides.
Standing Ovation!
THOMAS BUG. Hä? Radiomoderator oder so was. Moderator (knick knack?). Kennt man nicht. Sitzt aber neben Dieter Bohlen. Wird schon wichtig sein.
Standing Ovation!
SHONA FRAZER. Wie bitte? Sie aus wie ein Pudel auf Koks und hat angeblich mal Deutsch studiert. Muss aber schon länger her sein. Ihre Sprachschwäche wirkt jedenfalls weltmännisch.
Standing Ovation!
Und zuletzt noch THOMAS STEIN. Macht Musikmarketing oder so was. BMG. Große Firma und so. Ist wichtig, wirkt wie ein Sportkommentator, reguliert den Altersdurchschnitt der Anwesenden nach oben und ist der einzige hier, der wahrscheinlich nicht mit Eros Ramazotti geschlafen hat.
Standing Ovation!
Aber aufgemerkt: das ist keine Gruppe von abgehalfterten profilneutrotischen Medienwracks. Nein, die kennen sich nämlich aus!
(Mal ehrlich, würden die sonst neben Dieter Bohlen sitzen?)
Jetzt sollten die Kandidaten aber doch noch was singen.
Dann ruft das Publikum an und sagt wen es am besten fand.
Vanessas Arsch beispielsweise gefiel den Leuten besser als der von Daniel L. oder Gracia. Vanessa hat zwar beide Male beschissen gesungen, aber hey, habt ihr die Strapse gesehen? Vielleicht zieht sie nächstes Mal noch mehr aus... Muss unbedingt drin bleiben. Na ja, inzwischen ist sie raus. Wahrscheinlich hat die Pädophilenlobby den Samstag was anderes zu tun gehabt.
Rufen wir halt für irgend wen anders an.
Dieser Anruf kostet uns jedenfalls 49 Cent und abgesehen von uns ruft während der nächsten Stunde noch eine gut Million andere Deppen an. Und da das Konzept so brillant gestrickt ist, das von den ursprünglichen 10 Talenten immer bloß eines ausgeknipst und von den Sparmoderatoren sendezeitgerecht bedauert wird, hat RTL insgesamt 10 Samstagabende sicher. Wie viele Deppen gucken das? 13 Millionen. Ich bin selbstverständlich dabei und der Sender verdient sich mit einem annähernd konzeptfreien Fernsehformat und zahllosen Anrufen sprachschwacher Talentvoyeure dumm und dämlich.
Denn – obwohl nicht wirklich klar ist wofür – müssen Hunziker und Spengemann schließlich auch bezahlt werden.
Die komische Jury bekommt zwar kein Geld, aber Dieter Bohlen hat mal Presse ohne seinen Löffel irgendwo reinzustecken, und den Rest dieser Gurkentruppe dürfte jetzt zumindest ganz Deutschland kennen. Vielleicht können diese Leute sich damit ja noch mal für einen vernünftigen Job bewerben.
Wenn man die, von diesen Leuten betriebenen landesweiten Castings jedenfalls mit einer Art großflächigem Bombardement und Superstar mit Osama bin Laden gleichsetzt, dann muss Samstagabendunterhaltung so etwas wie destruktiver Kulturterrorismus sein.
Dieser Ansatz ließe sich natürlich noch ausbauen.
Aber „Deutschland sucht den Superstar während der Rest der Welt sich auf den Krieg vorbereitet“ ist zu lang und klingt irgendwie Scheiße.
Aber auf der nächsten Platte singen sie dann halt einfach vom Frieden.
Alle zusammen. Wie etwa dieses eine Mal, als die Frau, welche die Chuzpe zum Aussteigen besaß natürlich mit keinem Wort erwähnt wurde. Aber so ist das halt, wenn man im bigott inzestuösen Multimediaswingerclub nicht ordentlich mitficken will.
Wie sagte darauf doch die Runzlinger sinngemäß?
„Die Judith die ausgestiegen ist verdient natürlich unseren Respekt, aber noch mehr Respekt verdienen natürlich unsere Kandidaten, die sich heute wieder der Jury stellen.“ Natürlich betrachtest Du das so Mäuschen, den Schwanz für die Karriere nicht in den Mund nehmen ist Dir einfach ein bisschen fremd, hm?
Na ja, so ist Frau Hunziker inzwischen zumindest auf den Titel der TIER-BILD gelandet.
Und da gehört sie wohl auch hin.
Tatsächlich jedenfalls bedeutet ‚nein’ zu sagen Rückgrat.
Aber die Leute sehen halt lieber Strapse.
Die einen wollen dies, die anderen wollen das.
Die singenden Teenyschröpfhomunculi wollen auf Deutschlandtour kommen. Vernunftbegabte Menschen werden aus wandern wollen. Und auch ich weiß was ich will.
Ich will Moderator werden.
Hat jemand die Adresse von Eros Ramazotti?

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