Grosse Talente und grosse Emotionen

oder
Die Welt ist eine Scheibe und jeder Arsch ein Star

STARSEARCH kommt nach Deutschland.
Nun, genaugenommen kommt STARSEARCH nach Deutschland, nachdem Deutschland seinen Superstar gesucht und den Gipfel stumpfsinniger Castingshows eigentlich schon erreicht hatte. Aber von dort oben hatte man wohl einen guten Blick auf die zahllosen unmündigen Bürger, die niemanden sonst zum Telefonieren haben. Denn genau darum geht es wieder einmal: anrufen, Stimme abgeben und der Meinung sein, etwas bewegt zu haben. Natürlich für ein entsprechendes Entgelt. Aber das ist gewiss nicht zu viel für dieses kleine politische Gleichnis, das uns zeigt, wen Demokratie etwas kostet: nämlich den Wählenden...
Das muss sein, denn es wäre wohl kaum im Sinne der freien Marktwirtschaft, wenn sich lediglich ein Sender mit einem sinnentleerten Konzept gesundstoßen dürfte.
Trotzdem wäre es wohl besser, wenn zumindest dieser Sender es weniger auffällig täte. Zum Beispiel, indem er die Jury mit Leuten besetzt, die von irgend etwas Ahnung haben. Aber bereits da wurde augenscheinlich gespart, steht doch zu bezweifeln, dass die angetretenen Jurymitglieder sich ihre Schuhe selbst zumachen können.
Und mich in der kritischen Betrachtung dieser Popularitätsselbsthilfegruppe ergehend, muss ich letztendlich übrigens eingestehen, einen Fehler begangen zu haben; bezeichnete ich doch die DSDS Jury als die apokalyptischen Reiter der Abendunterhaltung.
Das war zwar nicht falsch, bietet aber kaum die nötigen Steigerungschancen, um die zweifelhafte Qualifikation des STARSEARCH Kasperletheaters angemessen zu bezeichnen.
JEANETTE BIEDERMANN sitzt wahrscheinlich da, weil sie woanders keiner sehen will. Bezahlt wird sie anscheinend mit Auftritten, besteigt sie die Starsearchbühne doch beinahe genau oft wie die Kandidaten. Dabei verlässt sie sich jedoch nicht auf ihre Stimme, sondern zieht, um sich von besagten Kandidaten zu unterscheiden vor jedem Auftritt noch etwas aus.
HUGO EGON BALDER ist jemand, der im Lauf seiner Karriere nicht bloß konsequent jeden Anspruch vermieden hat, sondern auch dem würdevollen Altern zu entsagen scheint. Wo dieser Mann die letzten Jahre verbracht hat, ist nicht sicher. Sicher ist aber, dass er dort exakt ein Jackett gekauft hat, das er jetzt in jeder STARSEARCH Folge trägt. Gegenwärtig ist er bemüht, sich á la Bohlen wie Karl Arsch zu benehmen. Wohl um im Endeffekt seiner geraden Art wegen gemocht zu werden.
ALEXANDRA KAMP. Ähm, ja. Die einzige Erklärung für die Anwesenheit dieser Frau ist ein sexuell frustrierter Produzent mit Alkoholproblem, dem Frau Kamp morgens um zwei vor seiner Stammkneipe aufgelauert hat. Aber Schauspielerin klingt wohl besser. Und nach Hollywood hat sie es ja auch geschafft, wobei sie diese Reise jedoch allenfalls bei einem Preisausschreiben gewonnen haben dürfte.
Und zuletzt DER VIERTE MANN, eine Position mit wechselnder Besetzung. Soll die Sendung interessant machen, in dem sie mit Westentaschenprominenten und Leuten besetzt wird, die SAT1 uns als Stars verkaufen will.
Aber auf diesem Platz sitzen letztendlich irgendwie doch die Leute mit Ahnung.
Das ist aber auch nicht weiter schwer, wenn man bedenkt, dass selbst ein Kilo Broccoli mehr von Gesangs-, Comedy-, oder Modelbusinnes verstehen dürfte als Biedermann, Balder und Kamp zusammen.
Um diese drei Kategorien geht es übrigens.
Merkt man aber wieder mal nicht, weil die talentfreie Jury und der abgehalfterte Kai Pflaume in der Regel mehr Sendezeit als die jungen Talente beansprucht.
Als Lichtblick bleibt die Werbepause, die das Leben des Zuschauers um Dinge bereichert, die ähnlich unverzichtbar wie auch STARSEARCH sind; etwa das Intimshampoo LIASAN INTIMA. Klingt eher wie Insektenvernichter. Aber STARSEARCH ja eigentlich auch nach Besetzungscouch.
Ein kurzes Umschalten in die Boulevardmagazine konkurrierender Sender zeigt uns eine debile junge Frau, die sich Daniel Küblböck hat tätowieren lassen, einen Butterfahrt in die Botoxklinik und einen Bericht über Schulschwänzer in Deutschland. Das sind übrigens erstaunlich viele. Aber Lesen & Schreiben ist schließlich auch keine STARSEARCH Kategorie.
Kai Pflaume baut unterdessen Kandidaten auf:
"Ich merke, Du weisst wie das Geschäft läuft im Showbusiness!"
Gott sei Dank kann hier niemand englisch.
Frau Biedermann singt lediglich in der Sprache, die mittelmäßig gebildete Leute für Englisch halten, Tittenbalder braucht keine Fremdsprachen und Frau Kamp pflegt meiner Theorie zufolge ja nonverbal vorzusprechen. So lange genügend Blödflöten anrufen, ist das aber auch egal.
Aber SAT1 will ja nicht bloß Geld verdienen.
Nein, diese Anrufe entscheiden schließlich über das Schicksal talentierter junger Menschen, sie sind Maßstab der öffentlichen Meinung und überaus ziemlich sehr wichtig.
Zumindest solange sich keine Probleme mit der Telefonanlage ergeben. So geschehen im vorletzten Achtelfinale, als der Notar der Sendung zu dem Schluss schließlich kam, dass man den Gewinner doch einfach auslosen solle...
Ja, es geht eben nichts über ein abgeschlossenes Jurastudium.
Aber auch dies scheint ein Gleichnis aus der Politik:
Durch ein Ergebnis, das mit der Wahl nichts zu tun hat, wählt man in Amerika nämlich Präsidenten.
Ist übrigens auch eine Demokratie...
Zum Schluss möchte ich noch einmal auf mein Problem mit der Steigerung der vier apokalyptischen Reiter zurückkommen. Dieses lässt sich ohne Verlassen der biblischen Ebene lösen. Neben unseren vier Jury-Flachzangen gibt es nämlich noch die dreiköpfige Knallchargenjury der neuen POPSTARS-Staffel, die mit DJ Bobo in dunkel, Sabrina LangnichtmehrgeraptabermitBorisgepoppt Setlur und irgend jemand Blondem besetzt ist. Zusammen jedenfalls ergeben diese drei und jene vier etwas angemessen Unangenehmes: Sieben biblische Plagen, die für die Heimsuchung eines Volkes bloß noch einen festen Sendeplatz brauchen.
Und zuletzt fällt mir dann noch der STARSEARCH Sponsor ins Auge:
NESCAFÉ XPRESS.
Ein interessanter Name.
Aber das dazugehörige Produkt ist genaugenommen nichts anderes als kalter Kaffee.
Und das passt ja irgendwie wieder.

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