Die Schlucht bei Ukna

Im Süden Schwedens, unweit eines kleinen Ortes namens Ukna, westlich von einer verwitterten Kirchenruine, befindet sich ein Ort, an dem sich die Macht der Natur auf höchst wunderliche Weise mit der des Gefühls verbindet.
In jener Gegend lebten einst - und das mag wohl ein paar hundert Jahre her sein - zwei Menschen, die einander innig zugeneigt waren. Der eine war der Sohn eines armen Holzfällers, die andere die Tochter des Grossbauern, und ein Streit, der Jahre her und dessen Grund vergessen war, hatte die Herzen ihrer Väter zerfressen. Die Herzen ihrer Kinder aber scherte das nicht. Dabei war die Liebe dieser beiden aber doch so heimlich, dass beide sie sogar vor sich selbst verbargen.
Als sie eines Tages im Sommer die Kühe ihres Vaters durch die alte Schlucht auf die Weide trieb, waren die beiden, ohne es bemerkt zu haben, bereits drei Jahre ineinander verliebt, und in eben dem Moment, kam er ihr, mit der heissgehaunen Axt vom Holzfällen entgegen. Sie, die einander so innig liebten, und es doch weder vor sich noch irgend jemandem sonst eingestanden hätten, sahen einander bereits auf viele hundert Meter kommen, erkannten einander auf der Hälfte des Weges, und mit jedem Meter den sie sich näher zueinander kamen, schlugen ihre Herzen lauter. Und leise begann der Schlag ihrer Herzen von den Wänden der Schlucht wiederzuhallen...
Er sah sie und sie sah ihn, und auf den letzten hundert Metern war es sinnlos geworden zu leugnen. Beiden lagen Worte auf den Lippen und Taten im Blut, und mehr noch wurden diese Worte und Taten mit jedem ihrer Schritte, während der Schlag ihrer Herzen widerhallte von den Wänden der Schlucht.
Da sind nun aber Dinge in der Welt, die das Feuer der Liebe selbst in Momenten wie diesen zu löschen vermögen. Und auf jenen letzten Metern die zwischen ihnen lagen, meinten beide plötzlich die Unmöglichkeit ihrer Liebe zu erkennen. Denn beide liebten sie auch ihre Väter, und hätten nimmer und um keinen Preis ihnen das Herz brechen wollen. Das Echo ihrer Herzen aber vernahmen sie wohl, und waren berauscht von dem Gefühl das nicht sein durfte, doch schritten, statt einander in die Arme zu fallen, schliesslich zitternd aneinander vorüber.
So aber konnten sie einander nicht ziehen lassen!
In beider Brust toste der Wunsch, dem anderen ihre Liebe zu gestehen! Und kaum dass sie einander hinter sich gelassen hatten, flüsterten sie, jeder für sich, ohne sich noch einmal umgesehen zu haben, leise und wie aus einem Mund. "Ich liebe dich."
Diese Worte freilich waren für den anderen nicht zu hören.
Die Luft aber trug sie bis an den Rand der Schlucht, wo der Fels sie leise zurückwisperte. Auch das war noch zu leise, doch während sie beide schweren Herzens jeder einem Ausgang der Schlucht entgegenstrebten, geschah es wieder. Wieder und wieder, bis schließlich über der ganzen Schlucht ein Flüstern zu liegen schien, und beiden bevor sie sie verliessen, klar und deutlich die Worte des anderen ans Ohr drangen...

Die Liebe der beiden war gross und grösser als die der meisten anderen, denn sie liebten einander wohl ein halbes Jahrhundert, und waren einander doch nie näher als in diesem Moment.
Stets aber wenn die Sehnsucht sie plagte, schlichen sie sich hinab in jene Schlucht, wo sie dem Rüstern ihrer Geständnisse lauschten, das wundersame Kräfte in die Luft zwischen den Felsen gebannt hatten.
Und beide starben sie letztendlich in der Gewissheit der Liebe des anderen.

Selbst heute noch ist jene Schlucht ganz voll von Liebe.
Lauscht man genau, kann man sogar noch die zärtlichen Worte jener beiden vernehmen, und selbst heute noch ergreift einen ein wundersames Gefühl, wandert man durch jene kleine Schlucht unweit von Ukna...

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