Der Schattenspieler

Ich erinn're mich bisweilen heut'
gern zurück an jene Zeit,
damals als ich Kind und jung,
voller Staunen, Drang und Schwung.
Erinn're noch den ersten Kuß
und das Dorf unten am Fluß,
wo stets, wenn's nach dem Winter warm,
der kleine Schattenspieler kam.
Seinen Handkarren ziehend,
Erwachsene fliehend,
eilte er nach uns'rem Markt.
Sein Kommen war herumgesagt
und unter lauten Jubelschrei'n
fanden des Dorfes Kinder sich ein.
Der kleine Mann verschwand
hinter einer stoff'nen Wand,
entzündet' eine Kerze dahinter
und sah mahnend auf uns Kinder.
Auf diesen Blick hat niemand am Markt
geschrien oder nur piep gesagt.
Das Schattenspiel begann,
und jener kleine Mann
spielte hinter der Leinenwand
vor dem Licht mit Fuß und Hand,
schuf abertausend lebend'ge Schatten
die sonderbarste Formen hatten.
Alles was man denken kann
schuf der Schattenspielermann.
Schuf Hunde, Wölfe, Raben, Ratten
und was wir nie gesehen hatten,
Dämonen, Drachen, Fabeltiere,
er sprang umher, nutzt' alle Viere,
um allen diesen Schatten Leben
und glaub' es mir, auch Seel' zu geben.
Später kam's stets, daß die Nacht,
von weit mächt'geren Schatten gemacht,
um des Schattenspielers Kerze sank.
Hier nun nahm er uns'ren Dank,
wild klimperten Taler vor ihm in den Sand
und mit schwach zitt'riger Hand
ergriff die paar Kreuzer der kleine Mann
und ließ uns aus seinem Bann.
Die weiße Wand war weiß bloß noch
und wie Mitt'nacht näherkroch,
löscht' der Mann mit leisem Schmerze
die hinabgebrannte Kerze,
verließ den Markt, ging ganz allein
und zog den Karren hinterdrein.
Nun bekommt die Erinn'rung dunkles Gesicht,
und ich erinn're gern mich nicht...
Im Monat darauf, wenn er wiederkam
war es fast schon richtig warm
und seine Kerze wieder ganz,
erneut zu schaffen Schattentanz.
Die Kerze, war uns Kindern klar,
war Zauberkerze, wunderbar,
niedergebrannt bis hin zum Ende
wuchs sie empor durch Zauberhände.
So nur konnt' es und so mußte es sein,
und jener Mann, so schwach und klein,
so beschloß unser Gericht,
verdiente solchen Zauber nicht.
Als er das nächste Mal bei uns weilt'
da sind dann drei von uns losgeeilt
verbargen sich hinter der Leinenwand
und griffen bald mit tück'scher Hand
als das Männlein weggeblickt,
nach der Kerze und geschickt
schlichen sie sich fort, recht leis'.
Die Leinwand war und blieb auch weiß,
nicht ein Schatten regte sich,
nicht ein Tier bewegte sich.
und wie das Männlein weint' und schrie
war in uns eine Kraft wie nie,
als in dunkler Eck' wir die Kerze entfachten
und uns bereit für ihr Wunder machten.
Nach Stunden dann verlosch ihr Schein.
Sie war und blieb auch winzig klein.
Sie wollt' nicht wachsen, wir verstanden es nicht.
Und selbst in hellem Tageslicht
blieb sie winzig wie sie war,
und schien dabei kaum wunderbar.
Es lag wohl doch kein Zauber darin.
Still schlichen wir zum Markte hin,
in uns um Verzeihung die leise Bitte.
Auf des Marktes kahler Mitte,
wo die bleiche Leinenwand,
wie tot, wie ermordet, schweigend stand,
da lag der Schattenspieler auch
regungslos auf seinem Bauch
und hatte, das erkannte ich,
kein Fünkchen Leben mehr in sich,
war tot wie seine Schattenwand.
Und traurig kleine Kinderhand
legt vom toten Mann nicht weit
den Kerzenstummel ihm zur Seit'.
Am Hügel begruben wir ihn dann,
den kleinen Schattenspielermann.
Und wenn's nach dem Winter wieder warm
war dann die Zeit, da unsereins kam
und schweigend stellten wir dann leise
kleine Kerzen, dutzendweise,
um den Karren, welcher da
dem Schattenspieler Grabmal war.

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