Eine Geschichte aus Rhododendron

Es kroch eines Morgens, ich ging im Wald spazieren, ein Schneck aus einem Unterholz. Tat's direkt vor meinem Auge, und auch wenn dies kaum ungewöhnlich war, so blieb ich dennoch stehen. Der Schneck nun blinzelte, einen seiner Fühler hebend, neugierig zu mir empor und verschwand, kaum dass er mich gesehen hatte, in seinem Haus, sich zu beraten.
Weshalb ich was nun folgte tat, weiß ich bis heute nicht, doch blieb ich stehen und wartete ab, derweil die Menschen vorüber hingen und ich Acht haben musste, dass sie den armen Schneck nicht zertraten.
Sie sahen ihn nicht einmal.
Sahen ihn nicht am Morgen noch am Mittag und am Abend sahen sie ihn ebenso wenig.
Gegen Abend schliesslich - noch immer stand ich bei dem Schneckentier - da kam es dann aus seinem Haus gekrochen und funkelte im ersten Licht des Mondes beinah wie ein vergessener Schatz...
Der Schneck wandt sich ins Unterholz und gab mir einen kurzen Wink.
Klein und krumm musst ich mich machen und folgt ihm über Wurzeln, Blätter und Steine hinweg durch finsteren Farn und wispernde Büsche.

Unter einer Kuppel wie aus Rhododendron geflochten (ein anderer hätte kaum mehr als einen Busch darin gesehen) hielt jener Schneck dann plötzlich inne.
Hier und da blinzelten Sterne durch das Kuppeldach, die liessen ihn unwirklich schimmern. Als einer jener Sterne mich blendet', da tat ich einen Schritt zur Seite... und stockte.
Der Schneck war nicht allein.
Da nämlich ruhten sie am Boden, fast und beinah überall und bald wär auf einen ich getreten. Wenn das Sternlicht ihre Häuser streifte, dann konnt' ich sie erkennen: sie trugen schmale Gehäuse und flache, breite und bauchige und andere wieder waren vollkommen nackt. Dann wieder waren da welche mit geschwungenen Häusern und andere wieder lugten aus Türmen heraus, die sich mir stumm vom Grunde her entgegenwanden.
Und all diese Tiere tummelten sich hier unter der grünglänzenden Kuppel, krochen über-, unter- und durcheinander und taten es mit solch einer herzergreifenden Gemächlichkeit, dass ich mir beinah sicher war, dass das Umarmen zweier Schnecke hundert Jahre dauern musste. Es klingt womöglich sonderbar, in diesem Moment jedoch da wünschte ich mir ein Schneck zu sein. Menschen nämlich umarmen sich meist nicht bloss kürzer, sondern nicht selten hektisch und wie nebenbei. Wie muss sich da eine Schnecke fühlen, die eine andere ganz nah bei sich fühlt, und hundert Jahre lang nicht losgelassen wird.
Und dies war bloß der erste meiner schneckenhaften Gedanken im Inneren jenes vergessenen Schlosses aus Rhododendron.
Ich fand, und einige Minuten musste ich schon suchen, schliesslich ein Plätzchen, an dem ich mich zwischen ihnen niedersetzen konnte. Da saß ich nun und schaute, lauschte, und wusste doch nicht einmal worauf...

"Er hat keine Fühler."
Ich musste eingenickt sein und spürte, meine Augen aufschlagend, irgend etwas auf meiner Stirn, einen kleinen Schneck, der heimlich dort hinaufgekrochen war.
,,Sie haben nie Fühler."
Da war eine zweite, die hockt auf meinem Knie.
"Mit Fühlern würden sie besser aussehen..."
Eine weitere saß auf meiner Schulter.
"Er hat auch kein Haus."
Ich schielte zu der auf meiner Stirn.
"Das hat er vor dem Wald.", wusste die auf dem Knie zu berichten, und nun begannen sie alle zu kichern, da spürte ich, dass da noch einige mehr auf mir saßen.
Nun krochen noch zwei weitere vor mich hin und stupsten mich mit ihren Fühlern.
"Weißt du, wie alt Menschen werden?"
"Nein. Ist das wichtig?"
Fassungslos bestaunte ich die Tiere. Sie schienen einander anzusehen, schüttelten die Fühler und krochen zurück zu den anderen. "Und warum haben sie keine Fühler? Warum ihr Haus nicht auf dem Rücken? Und warum tragen sie Blätter auf der Haut?"
Eine winzige Turmschnecke lugte ängstlich über meinen Fuss und erwartete wohl eine Antwort von den Älteren. Die aber kicherten bloss leise und hatten wohl auch keine Ahnung.
Die Kleine aber fragte noch einmal, und tastete mit ihrem Fühler nach meinem Schnürsenkel.
"Er ist halt kein Schneck."
Die Stimme die diese Worte sprach war warm und weich und wunderbar, und auch die Schneckentiere hörten sie, und kicherten erst leiser und bald gar nicht mehr.
Ich hob den Blick, und inmitten der Kuppel, da stand eine Frau, die trug nichts als Schnecken auf ihrem Leib. Eine Schärpe rothäusiger Schneckentiere wand sich um ihre Hüften, die hielten mit ihren Fühlern die Gehäuse weisser Schnecken, deren Fühler sich wieder an die von schwarz umhausten Schnecken klammerten. Aus all diesen Tieren entstand so ein Muster, das man nicht und nirgends kannte auf der Welt, und das sich sachte regte. Und wenn nun eines der oberen Tiere müde wurde, dann kam von unten eines heraufgekrochen um es abzulösen. Leise fiel dieses lebende Kleid so zu Boden, wo es mit jenen Schnecken sich verband, die dort am Grunde des Palastes ruhten.
Um die Brust jener Fremden krochen Schnecken im Kreise, doch waren es kaum viele, da sie es nicht für nötig erachteten, diesen Teil ihres Körpers zu bedecken.
Stattdessen waren wieder viele auf dem Weg um ihren Hals, die zogen enger wedende Bahnen, vier oder fünf mochten es sein, und schufen ihr so einen Schmuck, der nicht aus Koralle noch Bern- noch Edelstein je zu schaffen gewesen wäre. Und Armbänder und Ohrringe trug sie, die waren von der gleichen Art und hätten von keinem Gold- noch Silberschmied derart vollkommen gefertigt werden können.
Neugierig lugten die Schnecken selbst aus ihren Haaren, blinzelten aus der Beuge ihres Halses hervor und in ihrem Nabel, da sass eine Schnecke, die war nicht größer als ein Daumennagel, die hatte ein blaues Haus und lugte mir fragend entgegen.
Wortlos bestaunte ich diese Frau. Doch jeder Versuch sie zu beschreiben wäre sinnlos. Womöglich gibt es einzig in der Schneckenwelt, und vielleicht nicht einmal dort, Worte, welche ihr gerecht zu werden vermöchten. Ihre Schönheit war von stiller, eigener Natur, ihre Anmut nicht aufdringlich noch offensichtlich und sie nicht weniger als die verborgene Prinzessin dieses rhododendrischen Palastes.
Auf ihr allein ruhte mein Blick, und Ahnungen von Sternenlicht machten ihren Körper zu einem unruhigen, inmitten von Schnecken und wächsernen Blättern verborgenen Geheimnis.
Ich vermochte mich von ihr bald nicht mehr abzuwenden, und begann gar, obwohl es nicht kalt war, sachte zu zittern.
"Willkommen in Rhododendron."
Sie trat auf mich zu, streift' dabei nicht ein Schneck mit ihren FüBen und reicht' mir lächelnd ihre Hand.
Und da ich ihr die rneine reichte, löst' sich verstohlen, als hätte es darauf gewartet, ein Schneckentier aus ihrem Armband und kroch ohne zu zögern auf meine Hand hinüber.
"Ein neuer Freund wie es scheint."
Ich nickte staunend, verlegen und sah, wie sich ein Schneck von ihrer Brust in Richtung ihres Armbandes aufmachte.
Und derweil zog mein neuer Freund seine Bahnen, augenscheinlich im Bestreben jeden meiner Fingern einzeln zu begutachten. Unter jenem fremden Berühren zog sich mein Handrücken zusammen, und ich schauderte einmal mehr.
"Es gibt nicht viele Menschen, die ihre Sinnlichkeit verstehen..."
Nicht viele? Ich wusste doch nicht einmal, ob ich. . .
"Oh doch, du verstehst sie." Da lag gewiss ein Dutzend Fragen in meinem Blick, als ich, und mit mir sicher hundert Schnecken, nun zu ihr emporblickten.
"Lang ist es her, und auch ich selbst weiss davon nichts. Die älteren Schnecken aber haben mir davon erzählt."
Und als sie diese Worte aussprach, da schienen ihre Augen grüner Bernstein, die das Blut der Wälder und den funkelnden Rhododendron wieder.
Die älteren Schnecken?
"Ja, es ist schon viele Jahre her, und an der Seite eines Freundes rätseltest du damals, was Schnecken wohl in ihren Häusern verbergen..."
An allerlei vermeintlich Wichtigem schob sich ein Bild aus frühester Jugend aus meiner Erinnerung hervor. Ich und ein Freund von mir - wir waren Kinder und an seinen Namen erinnere ich mich nicht- sassen im Garten seiner Eltern und hielten ein halbes Dutzend Schnecken zwischen überkreuzten Beinen gefangen.
"Ich erinnere mich. Er, er hat sie aufgebrochen, und ich habe versucht, mit ihnen zu reden..."
Und beinahe als ob sie sich daran erinnerte, nickte auf der schattigen Spitze ihrer Brust eine alte faltige Schnecke. Und als ich genauer hinsah, erkannte ich, dass sie auf ihrem Rücken bloss noch die Trümmer eines Hauses trug...
Da ergriff die Schneckenfrau meinen Arm und zog mich empor. Und in diesem Augenblick kam das ganze Armband über ihre Hand gekrochen, um schneckenstumm sich um mein Handgelenk zu legen.
Und dann nahm die Schneckenfrau mich in die Arme.
Sie war nicht Mutter, nicht Geliebte, war die Schneckenfrau und ihr Umarmen so viel wunderbarer als jedes Berühren fernab von Rhododendron. Und der gesamte Hofstaat kroch an uns empor, kam aus allen Wäldern und Meeren gekrochen, uns mit schneckenhafter Langsamkeit zu umschmeicheln.
Hundert Jahre hielt sie mich, und abermals hätte ich mir gewünscht, in einen Schneck mich zu verwandeln...

Später dann, viel später, löste sie die Umarmung und plötzlich hatte ich Antwort. Hundert Jahre hatten wir einander gehalten, hundert Jahre von allen Schnecken der Welt umschmeichelt in Rhododendrons grünlichem Schloss.
Und als ich hundert Jahre später ging, da war es der nächste Morgen, und ich trug einen Reif von Schnecken am Arm...

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