Die Mitternachtsraben

Ich fand die Legende von den Mitternachtsraben
unter einem Berg von Staub begraben
auf meinen wenig aufregenden Weg
durch eine alte Bibliothek,
wo Schritte durch die Gänge hallen
und Bücher aus Regalen fallen.
Das ist auch mit jenem Buch geschehen
sonst hätt' ich's wohl auch übersehen.
Ich hab's vom Boden aufgehoben,
hätt's fast wieder ins Regal geschoben,
da sprang das Buch ganz plötzlich auf
und mein Schicksal kam in Lauf.
Aus ihm ein Glühen wie von tausend Kerzen,
etwas erwachte in meinem Herzen,
mir war Angst, ein wenig beklommen,
das Buch aber habe ich mitgenommen,
denn ich muß sagen, daß diese Raben
mich irgendwie verzaubert haben...

Abends, in meiner Kammer konnt ich's wagen
hab' das Buch dann aufgeschlagen
und bei warmem Kerzenschein
und einem guten Glase Wein
begann ich andächtig zu lesen.
so war mir noch nie gewesen,
jedes Wort drang in mich ein,
wollte in mir, mit mir sein.
Jeder Satz, noch so seltsam gebaut
ging mir auf eine Art unter die Haut
als ob Zauberei im Spiele war.
Dann schien's, als ob die Rabenschar
sich aus ihren Bildern regte,
jede Zeichnung sich bewegte.
Und wollt' ich jetzt auch noch so sehr,
mich losreißen, das ging nicht mehr...
Während ich weiter in jenem Buch gelesen
ist mir noch merkwürd'ger gewesen:
ich merkte, wie ich mit den Raben fühlte,
Mitternachtsmagie in mich drang, mich umspülte.
In meinem Innersten ein leises 'Klick',
ein kalter Schauer im Genick
und langsam änderte mein Ich
in das eines Raben sich.
Ich las und konnte dabei fühlen
wie im Flug die seichten kühlen
Winde uns Raben umwehten
während wir unsere Runden drehten,
im Himmel, hoch über der Erde.
Es war, als ob ich wiederkehrte,
als sei ich schon einmal Rabe gewesen
bevor ich dieses Buch gelesen.
Ich las und las, war wie besessen
und mehr und mehr tat ich vergessen
was um mich herum geschah
und wie die Welt der Menschen war.
Bei jedem and'ren Buch wär' ich eingenickt.
Von jenem hab' ich einmal nur aufgeblickt,
und zwar in den Himmel inmitten der Nacht.
Da bin ich dann endgültig aufgewacht;
ich wollte da oben, nur da oben sein,
mit Mitternachtsraben kreisen und schrei'n.
Ich wollt' die Nacht umarmen, küssen,
hab' das Fenster aufgerissen
und an dessen Rahmen hab' ich mich verletzt,
mein Blut hat den Einband des Buches benetzt
und es begann ein seltsam's Gescheh'n.
Ein Wind tat den Mensch der ich war umweh'n,
mein Rückgrat bog sich, wurde krumm,
es wirbelte mich rundherum.
Ich schrie, es war ein seltsamer Laut
und aus meiner bleichen Menschenhaut
schoben sich schmale Kiele heraus
wurden Rabenfedern draus.
Meine Nase und mein Mund
wuchsen zusammen, wurden rund
und aus meinen Armen wurden Flügel.
Gesprengt die Ketten, gerissen der Zügel,
der mich an die Menschenwelt gebunden.
Das Tor zur Nacht war überwunden...
Und als aus dem Mensch ein Rab' geworden,
hörte man vom fernen Norden
den Ruf der Mitternachtsraben nah'n
die auf dem Weg zu mir nun war'n.
Der Schlag ihrer Flügel dunkelte den Mond
und ich wußte, daß es lohnt,
dem Ruf der Raben, die vor meinem Fenster kreisten
in dieser Nacht noch folge zu leisten.
Ich ließ die Menschen Menschen sein
und tauchte in die Nacht hinein.
Ich taumelte durch kalte Stürme,
erklomm die höchsten Wolkentürme,
schwarze Federn meine Zier
und ich trug Rabenblut in mir.
Ein letztes Mal, es mußte wohl sein,
flog ich mit den Raben in mein Zimmer hinein.
Zu dritt packten wir's Buch, das ich grad noch gelesen,
und das mein Schicksal wohl gewesen,
und trugen es sacht
hinein in die Nacht.
Seltsam war's, denn unser Weg
führt uns zu jener Bibliothek,
wo ich es Tage zuvor erblickt.
Durch off'nes Fenster, ganz geschickt,
so, daß man es hörte kaum,
schlichen wir Raben uns in den Raum
und wie schon so oft, ein erneutes Mal
verschwand das Buche wieder im Regal...
Ich begriff, mir wurde klar,
so wuchs die düst're Rabenschar,
durch dieses Buche dessen Bann
wohl jeden Menschen treffen kann.

Bin nun ein Teil vom Mitternachtsrabenland
und der Körper, den unter meinem Fenster man fand,
trug zwar, zerschmettert, mein Gesicht,
doch war's der meine sicher nicht,
denn ich bin nun ein Mitternachtsrabe unter vielen,
aufgebrochen zu neuen Zielen
in weiter, ungeahnter Ferne.
Und, glaube mir, ich bin es gerne..

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