Die Geschichte des transkronologischen Postamtes Pödlitz

In nächster Zukunft wird inmitten einer Schrebergartenkolonie in Pödlitz bei Berlin eine Anomalie im Raumzeitkontinuum festgestellt. Namhafte Wissenschaftler werden sich mit dem Phänomen auseinandersetzen und feststellen dass besagte Anomalie innerhalb gewisser Parameter eine Art Zeitreise ermöglicht, deren Zielpunkt vierzig Meter vom Startpunkt entfernt liegt. Die Ausmaße der Anomalie sind dabei jedoch derart klein, dass allenfalls ein Objekt von den Ausmaßen einer Zigarrenkiste den Zeittunnel durchqueren kann. Infolge der Feststellung, dass es sich um ein unflexibles, nicht erweiterbares Phänomen handelt, werden zunächst einige Versuche mit Kleintieren unternommen werden, die zu verschiedenen Erkenntnissen führen:
Zum einen lässt sich ein Objekt durch Veränderung von Eigentemperatur und Einführungswinkel kontrolliert bis zu zwei Wochen in die Vergangenheit schicken. Zum anderen erfolgt jedoch im Rahmen dieser Art von Zeitreise eine minimal zeitversetzte Ankunft einzelner Zellen eines Organismus in der Bestimmungszeit. Dieser Aspekt macht das Ganze, unwissenschaftlich formuliert, vergleichsweise unappetitlich, und wissenschaftlich formuliert die Zeitreise für Objekte mit Stoffwechsel unmöglich.
Nachdem man vierbeinigen Zeitreisepionieren kurz darauf auf dem Ernst Reuter Platz ein Denkmal gesetzt hat, wird es schließlich die Post sein, welche die Pödlitzer Parzelle durch Aufnahme eines Milliardenkredites erwirbt. Dieser soll zunächst durch verschiedene Portoaufschläge getilgt werden, wofür allerdings Briefsendung ihren Adressaten bis zu zwei Wochen vor ihrem Einwurf erreichen.
In diesem Zusammenhang wird tatsächlich sogar die Aktie Gelb kurzzeitig im Wert steigen.
Da aber die transkronologische Übermittlung verschiedener Ergebnisse und Zahlen die gesamte Glücksspielindustrie im Laufe eines Monats ruiniert, wird auch die Börse bald kein zuverlässiger Indikator für irgend etwas mehr sein, während Lottogesellschaften und Wettbüros geschlossen werden und in den meisten Fällen einer Filiale der Post weichen müssen.
Unterdessen wird die pünktliche Abgabe von Manuskripten, seien es Bücher, Studienarbeiten, oder Einkommenssteuererklärungen sich ungleich einfacher gestalten. Theoretisch wird es tatsächlich möglich sein, die Einkommensteuererklärung des Jahres 2002 im Jahre 2005 zu machen, in dem man sie durch die Zeit immer weiter an sich selber zurück schickt...
Während man die Schrebergartenkolonie zugunsten einer Postsortierungsanlage einebnet, wird besagte Parzelle durch die wohl wichtigste aller Postfilialen ersetzt: Das transkronologische Postamt Pödlitz. Dabei wird sich allerdings keine Versicherung finden, die bereit wäre das diesen Zweig des Unternehmens zu versichern.
Zu diesem Zeitpunkt wird sich im Untergrund bereits eine Art terrroristischer Vereinigung aus ehemaligen Schrebergärtnern und Glücksspielunternehmern gebildet haben, die sich selbst den Namen Gruppe radikales Schreberglück geben wird.
Die Aufmerksamkeit ausländischer Investoren schließlich wird das transkronologische Postamt in das Zentrum des weltweiten öffentlichen Interesse rücken, so dass Pödlitz letztendlich im Spätherbst 2002 Berlin als deutsche Hauptstadt ablöst.
Aufgrund der Einwurfsbegrenzung werden der Post für die bevorzugte transkronologische Verschiebung verschiedener Papiere seitens namhafter Unternehmen wenig später Unsummen geboten, welche Tilgung des Postkredites in beinahe greifbare Nähe rücken werden.
Bevor dieser jedoch zurückgezahlt werden kann wird die Gruppe radikales Schreberglück im Januar 2003 ein Päckchen mit 700 Gramm Plastiksprengstoff in die transkronologsiche Weihnachtspost schmuggeln, und innerhalb des Zeittunnels zur Detonation bringen. Die Explosion wird den sofortigen Zusammenbruch der Pödlitzer Sonderpostroute zur Folge haben. Neben wertvollen Weihnachtsgeschenken werden infolge dessen auch Entwürfe revolutionärer Erfindungen in den Weiten des Raum-Zeit-Kontinuums verschwinden, weshalb. die Post wiederum von verschiedenen Seiten auf einen Gesamtstreitwert von knapp drei Milliarden verklagt wird und wenig später ihren bankrott erklären müssen wird..
Daraufhin wird das Unternehmen von der Interessengemeinschaft ehemaliger Glücksspielunternehmer von Grund auf saniert und weiter geführt.
Das Verschicken von Postsendungen wird 2003 folgerichtig zu einer Art Glücksspiel. Machen sie sich also keine Sorgen, es bleibt alles beim alten.

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