Phoenix

I

Dr. Sedwin zog seine Identitäts-Karte durch den Schlitz auf der Vorderseite des Kartenlesers und bestätigte die Identifikation mit seinem persönlichen Stimmuster.
Diese Prozedur wiederholte er noch drei weitere Male und wurde außerdem auf der inneren Ebene des unterirdischen Komplexes noch von einer Gruppe Sicherheitsleute überprüft.
Dann erst öffnete sich die letzte hermetische Schleuse. Er betrat das Zentrum des unterirdischen Komplexes; den Arbeitsbereich des Phönixprojektes.
Nathan Sedwin betrachtete den angestrahlten Glasquader und bei dem Anblick der unförmigen Amöbe in seinem Inneren huschte ein Anflug von Zufriedenheit über sein Gesicht. Im Grunde war es keine Amöbe.
Nicht nur, daß es im Gegensatz zu den meisten biologischen Einzellern die Größe eines Fußballes hatte; zudem hatte es - was die wenigsten Amöben von sich hätten behaupten können - den amerikanischen Forschungsverbund eine siebenstellige Summe gekostet.
Eine Investition die sich über kurz oder lang auszahlen würde.
"Spielen sie mir seine senso-analytische Matrix ein."
Tatsächlich. Obwohl er das Ergebnis erwartet hatte, verschlug es Dr. Sedwin die Sprache.
Es hatte gelernt, was Glas war...
Alles verlief innerhalb des vorgesehenen Zeitplanes.
"Ich denke es ist Zeit für die nächste Stufe."
Mit einem unzweifelhaften Anflug von Stolz nickte er seinem Stab zu.
Auf diesen Wink begannen sieben Wissenschaftler, um den gläsernen Kubus herum einen weiteren ebensolchen zu errichten, dessen Elemente jedoch ungleich größer und von innen verspiegelt waren.
Mit gemütlicher Gelassenheit schien das zähflüssige Geschöpf die Geschäftigkeit des Teams zu verfolgen und schwappte gemächlich von einer Wand seines gläsernen Käfigs zur anderen.
Über eine Treppe betrat Dr. Sedwin eine der Beobachtungsplattformen über dem Kubus und hob seine Stimme, so daß er im gesamten Kernareal deutlich zu verstehen war.
"Gentlemen, wir treten nun in die dritte Phase des Phönixprojektes ein."
Inzwischen war der größere Würfel fertig aufgebaut.
Auf ein weiteres Zeichen seinerseits öffnete man nun eine Klappe in einer Wand des verspiegelten Würfels und ließ eine Katze hinein. Das Tier blickte sich irritiert um; wohin es auch sah; überall spiegelte es sich und bedroht von seiner eigenen Bewegung, sprang es ängstlich umher.
Auch die Panik des Tieres in seiner unmittelbaren Nähe änderte nichts an der Teilnahmslosigkeit des formlosen Einzellers.
"Was immer diese Stufe bringt, Gentlemen. Ich bin stolz auf sie"
Der Finger Dr. Sedwins zitterte kaum merklich, als er den entscheidenden Knopf betätigte und ein hydraulisches System in Bewegung setzte, das zur automatischen Demontage des inneren Würfels führte. Die einzelnen Platten schoben sich auseinander, stellten sich auf und senkten sich in den Boden.
Dann war die beiden Kreaturen miteinander allein.
Zur Furcht der Katze vor ihrem eigenen Spiegelbild gesellte sich nun die vor der gallertartigen Masse und vorsichtig stakste sie um sie herum.
Nach vier Stunden begann ihre Aufmerksamkeit nachzulassen.
"Dr. Sedwin?" Von der zweiten Ebene gesellte sich ein junger Mann mit Haarnetz zu dem Doktor auf die Beobachtungsplattform.
"Ja, Harcord?" Sedwin ließ das Geschehen im Inneren des Würfels nicht einen Moment aus den Augen. Harcord war seit seinem Unbedenklichkeitsbefund vor zwei Jahren einer der ständigen wissenschaftlichen Assistenten des Projektes. Sie waren jedoch lediglich ausführende Elemente, und Auf- und Abbau der Apparaturen waren der zentrale Aspekt ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit.
"Ich habe noch nicht begriffen, weshalb die Kubuselemente der dritten Stufe..."
"... von innen verspiegelt sind, wollen sie sagen?" Sedwins Augen folgten einem halbherzigen Sprung der Katze. "Wieviel von dem Projekt haben sie verstanden, Harcord?"
"Zentraler Aspekt des Phönix-Programms ist die Reorganistion von Zellstruktur. Die Amöbe..."
"Nennen sie ihn nicht ‘Amöbe’." In den Worten des Doktors war ein deutlicher Anflug von Vorwurf.
"Der ‘Phönix’ ist das Programm. Diese Stufe ist der Versuch, die zellulare Ebene, auf der das Projekt sich bereits sieben Mal reorganisiert hat, zu verlassen."
"Soweit korrekt." Sedwin betätigte das Bedienungselement und die Plattform bewegte sich nach rechts. "Verfügte das Projekt über die nötigen Mittel, würde diese Stufe des Versuches erst in einem Jahr stattfinden. Um der Idee des Projektes treuzubleiben, müßten wir nun, nach den Einzellern, zunächst über Schalen und Schneckentiere gehen. Ihr Wissen über die senso-analytische Matrix?"
"Die direkte Übertragung der Wahrnehmung des Phönix. Die Entwicklung der dazugehörigen Hard- und Software hat etwa zwei Drittel des Gesamtetats beansprucht. Seine Wahrnehmung ist Ausgang der zellularen Reorganisation. Der Phönix kann sich als ein von ihm wahrgenommenes, im biologischen Sinne intaktes vitales Objekt reorganisieren. Sowohl die senso-analytische Matrix als auch seine Wahrnehmung können allerdings lediglich ein Muster zur Zeit beinhalten, wobei die in der Matrix befindlichen Muster von uns gespeichert und mit der Entwicklung des Phönix verglichen werden."
Auf einen Knopfdruck surrte die Plattform wieder nach links.
"Sie haben bereits die Antwort auf Ihre Frage."
"Wie?"
"Seine Wahrnehmung. Durch Reorganisation einer komplexeren Struktur wie die einer felis domestica wird die Art seiner Wahrnehmung sich nicht unerheblich ändern. Haben sie beispielsweise an den visuellen Aspekt gedacht?"
Niemand konnte wissen, wie der Phönix die multiplen Sinne eines Säugetieres einsetzen würde. Womöglich könnte selbst eine fragmentarische visuelle oder akustische Wahrnehmung zum Versuch der Übernahme einer Struktur führen. Ein Versuch, der von vornherein zum Scheitern verurteilt wäre und der sogar das Ende des gesamten Projektes bedeuten könnte.
"Oder wollen Sie sich morgen etwa selbst in der senso-analytischen Matrix sehen?"
Der Monitor strahlte auf die Plattform hinunter; noch immer war es die chemische Formel für Glas. 68 % Kieselsäure, 17 % verschiedener Alkalien und 14 % gebrannter Kalk: Glas.
Der Phönix war gut.
"Sie wird müde." Sedwin bewegte die Plattform zurück zur Leiter. "Seien Sie so gut und besorgen Sie mir einen Kaffee."
Während Harcord hinabstieg, lehnte der Doktor sich über die Brüstung und beobachtete angestrengt die langsamer werdenden Bewegungen des Katers.
‘Einstein’ - so hieß er - war fett geworden.
Es wunderte Sedwin, daß er überhaupt so lange durchhielt.
Das Tier trug ein blaues Plastikhalsband, um es nach der Reorganisation vom Phönix unterscheiden zu können.
Nun betrat auch Dr Elliot Noonday die Plattform.
"Gleich hat er ihn!"
Ebenso wie der leitende Anthropologe Solomon Bourke war auch Noonday um einiges aufgeregter als sein Kollege Sedwin.
Die erste Berührung zwischen dem Kater und dem Phönix war unwesentlich, kaum wahrnehmbar, doch im gleichen Moment verschwand aus der Matrix die Formel für das Glas.
Kaum daß er sich vom ersten Schreck erholt hatte, streckte ‘Einstein’ die Tatze nach der gallertartigen Masse aus und berührte sie nun zaghaft seinerseits.
Einmal.
Analyse von Haut und Fell.
Zweimal.
Stoffwechsel.
‘Einsteins’ rechte Vorderpfote versank.
Vollständige genetische Analyse.
Dreidimensionales Abbild Einsteins.
"Er ist schneller geworden."
"Er hat sogar die Farbe des Fells erfaßt!"
"Worüber? Er hat in seiner derzeitigen Form keine visuelle..."
"Fragen Sie mich nicht."
"Er beginnt!"
"Womit?" Noonday beeilte sich, zum Terminal zu gelangen.
Sedwin hatte 1000 $ gegen ihn gewettet, daß der Phönix mit Angleichung seiner Körpertemperatur beginnen würde.
"Er hebt seine Körpertemperatur."
Noonday zuckte zusammen.
"Er verändert seine Struktur."
Der Gallert schien sich vom Boden emporzustemmen. Der Zellkern - er hatte inzwischen die Größe einer Faust - schien, ebenso wie das Implantat, das den Terminal mit der Matrix verband, für einige Momente schwerelos im Raum zu stehen und dann begannen sich im Inneren des Gallerts unvermittelt Knochen zu bilden.
"10 Minuten." Noonday würde sein Geld wiederbekommen.
"Weniger." Sedwin liebte es.
Es waren siebeneinhalb.
‘Einstein’ währenddessen kauerte in einer Ecke des Kubus und zitterte am ganzen Körper.
Inzwischen war der Zellkern nicht mehr sichtbar. Um die Knochen wuchsen primäre Muskelstränge, dann bildete sich allmählich die sekundäre Schicht und Hautgewebe. Direkt darunter wuchs sich im Stirnbereich das Implantat fest.
"Der Phönix erfüllt das erste Kriterium." Das erste Kriterium war das Alter. Laut den sensorischen Messungen war dies das Skelett eines zweijährigen Katers, auch die Lebensfunktionen entsprachen diesem Alter. Der Phönix würde eine 15jährige Katze ebenso reorganisieren können wie eine zwei Tage alte unmittelbar darauf. Er existierte außerhalb eines Kontinuums. Die folgende Woche würde vornehmlich mit Statusüberwachung und Kontrolle dieses ersten Kriteriums voranschreiten.
Alles Zweifeln, jede Nervosität schien von den Männern abgefallen, man jubelte ausgiebig, aber würdevoll und Doktor Sedwins Kaffee war kalt geworden.

II

Seit dem Eintritt in die dritte Phase waren zwei Tage vergangen.
Die Sorge um den visuellen Aspekt erwies sich als unbegründet; der Phönix nahm mit seinen Augen lediglich fragmentarische Informationen auf, ebensolches geschah über Geruch und Gehör. Auf der Matrix jedoch wurden diese Informationen nach kürzester Zeit verworfen.
Der Phönix wurde zusammen mit ‘Einstein’ artgerecht in einem Terrarium gehalten. Darin waren insgesamt sieben Kameras installiert; zwei direkt über dem Boden, zwei weitere eine Ebene höher. Die übrigen befanden sich in gleichmäßigen Abständen in den Deckensegmenten und es gab keinen Punkt des Raumes, den man nicht überwachen konnte.
Obwohl die beiden Tiere - abgesehen von dem Halsband - ursprünglich identisch gewesen waren, fraß der Phönix weniger als Einstein. Laut Sedwin mußte es die Optimierung des Individuums innerhalb seiner Art, ein quasi darwinistischer Instinkt, sein. Bis zu diesem Tag hatten sie Dosenfutter und tote Mäuse zu fressen bekommen. Beides hatte die Matrix durchlaufen und war im nächsten Augenblick gelöscht worden. Nun, nach der Kontrolle der Entwicklung des ersten Kriteriums, galt es, das Selektionsvermögen des Phönix zu testen.
Würde er sich in einem niederen Organismus reorganisieren oder versuchen, in einer natürlichen Hierarchie voranzuschreiten?
Eine lebendige Maus sollte die Antwort bringen.
Bourke, Sedwin und Noonday verfolgten das Geschehen vom Terminal aus.
Bevor ‘Einstein’ überhaupt zum Zug gekommen wäre, hatte der Phönix die Maus bereits gefangen.
Er hielt seine Beute allerdings nur kurz am Leben.
Kaum, daß sie die Matrix durchlaufen hatte, biß er ihr das Genick durch... "Er begreift...", staunte Sedwin.

III

"Sir, ‘Einstein’ beginnt, weniger zu fressen."
Offensichtlich hatte die verlorene Maus seinen Konkurrenzinstinkt geweckt...
Nach einer Woche unterschieden die beiden Tiere sich bloß noch durch das Halsband und das Implantat, das in stetiger Verbindung zum Terminal stand.
Während die Kater balgten und herumtollten, ließ man den Phönix üben. Es gab Fisch und Kaninchen, erst tot dann lebendig. Inzwischen mußten die beiden Tiere tatsächlich um ihre Nahrung kämpfen, und obwohl der Phönix bei dem Kaninchen kurzzeitig zögerte, tötete er es im direkten Anschluß an seine Analyse.
Der Fortschritt war unverkennbar; inzwischen analysierte er zellulare Strukturen in Sekundenbruchteilen. Auch zögerte er beim Töten geringer eingeschätzten Lebensformen inzwischen kürzer.
Der beunruhigendste Aspekt des Fortschrittes war eine Aktion des Phönix, die Noonday als einen direkten Angriff auf ‘Einstein’ zu erkennen meinte. Sedwin und Bourke allerdings konnten nichts dergleichen aus den Videoaufzeichnungen heraussehen. Für sie war es nichts als eine bloße Balgerei zweier junger Kater...

IV

Eine Woche nach dem Beginn der dritten Phase standen verschiedene Impfungen an, die aus projekttechnischen Gründen automatisch vorgenommen werden würden. Ein etwa drei Meter langes stählernes Rohr führte aus dem Terrarium direkt in die Impfkammer. Dort würden die Tiere durch Gas betäubt und durch computergesteuerte Injektionen geimpft werden.
In das Verbindungsrohr waren drei Sicherheitsschranken eingebaut. Die erste am Ausgang des Terrariums, die zweite in der Mitte und die dritte am Eingang der Impfkammer.
Mit Futter wurden die Tiere zunächst in den ersten Abschnitt gelockt. Ihre Krallen rasselten durch das Rohr und als sie sich im Inneren zu balgen begannen klang es fürchterlich.
Dann schloß sich hinter ihnen die Schranke zum Terrarium.
Die Projektleiter erwarteten an ihren Monitoren die Ankunft der Tiere in der Impfkammer.
Als erstes kam der Phönix an.
Eine Minute später war ‘Einstein’ noch immer nicht aufgetaucht.
Der Phönix begann sich im Kreis zu bewegen.
Noonday stand der Schweiß auf der Stirn.
"Er hat ihn umgebracht."
"Reden Sie keinen Unsinn, Elliot."
"Er hat einen unbeachteten Moment abgepaßt und seinen Konkurrenten einfach umgebracht. Er ist bösartig."
"Und was, Elliot, sollen wir Ihrer Meinung nach tun?"
"Das Projekt einstellen."
"Den Phönix töten? Sie sind verrückt." Für Sedwin war all das mehr als bloß ein Projekt.
"Ich schlage vor, wir sehen nach." Solomon Bourke hatte zwar keinen Doktortitel, war dafür allerdings meist in der Lage, den Überblick zu behalten, ohne sich in wissenschaftlichen Gedankenkonstrukten zu verlieren.
Sedwin schloß die Schranke zum Impfraum, um den Phönix dort festzusetzen und begab sich zusammen mit den anderen zur Röhre hinab.
Einer der Assistenten öffnete auf seine Anweisung die Außenklappe.
"Erwarten Sie etwas anderes zu finden als einen blutenden Kadaver?" jammerte Noonday, während Sedwin sich zu der Öffnung hinabbeugte... "MIIIIIAUUUUUU!"
Ein wildgewordenes Bündel Fell schoß ihnen entgegen. Geistesgegenwärtig warf Sedwin sich zur Seite und der Kater sprang erst auf Bourkes Schulter, über Dr. Noondays Hals hinweg und verschwand in einem Wust von Kabeln und Rohren, die an der Wand verliefen.
"Ein ziemlich lebendiger Kadaver, nicht wahr?"
Elliot Noonday nickte zerstreut. Dr. Sedwin beauftragte zwei Sicherheitsleute damit, Einstein wieder einzufangen.
Vorrangig war die Impfung des Phönix.
Zurück am Terminal leitete er seine Betäubung ein.
"Sedwin?"
Bourke wies auf den Bildschirm.
Die Matrix zeigte: nichts.
Selbst wenn das Tier geschlafen hatte, war stets der letzte Stand der Matrix abzulesen gewesen...
Man schaffte den frisch geimpften, noch immer betäubten Kater zurück ins Terrarium. Aufgrund der inaktiven Matrix konnte das sogar einer der Assistenten übernehmen. Die Leiter selbst begaben sich nach dieser Aufregung zunächst in ihre Quartiere.

V

"Sir?"
Einer der Sicherheitsmänner stand an Sedwins Bett.
Der wischte sich den Schlaf aus den Augen und schaute auf die Uhr; seit der Impfung waren keine zwei Stunden vergangen.
"Es gibt ein Problem."
Schlaftrunken folgte der Doktor dem Mann und traf im Arbeitsbereich an der Verbindungsröhre auf seine Kollegen. Bevor Sedwin irgend etwas begriffen hatte, wetterte Noonday bereits los:
"Es ist ihre Schuld, Nathan, ich habe sie vor diesem Ding gewarnt!"
Bourke schüttelte schweigend den Kopf und dann sah auch Sedwin endlich, worum es ging:
Einer der Sicherheitsmänner hielt ihm eine durchsichtige Plastiktasche entgegen und darin befand sich ... das blaue Halsband.
"Es ist durchgebissen worden", flüsterte Bourke und wandte den Blick ab.
Das Gerangel in der Röhre, der entwischte ‘Einstein’, Sedwin fiel es wie Schuppen von den Augen.
"Wissen Sie was das heißt? Was das bedeutet? Er kann überall sein, kann alles tun, sich in alles, womöglich jeden verwandeln, hat vielleicht schon menschliche Züge angenommen und..."
"Halten Sie den Mund Elliot!" wütend funkelte Sedwin ihn an. "wir müssen überlegen, was wir tun können."
Inzwischen war der vermeintliche Phönix aufgewacht. Die Matrix war noch immer leer, was unbegreiflich blieb, bis einer der Sicherheitsleute das blutige Implantat in der Nähe eines Lüftungsschachtes fand.
Der Sicherheitsmann zuckte mit den Schultern.
"Er muß es sich irgendwie herausgerissen haben." Nur Sedwin, Bourke und Noonday wußten, was das tatsächlich bedeutete...

VI

Inzwischen waren zwei weitere Tage verstrichen.
Der gesamte Laborkomplex stand unter Quarantäne. Niemand durfte ihn mehr verlassen, denn ausnahmslos jeder hätte in Wirklichkeit der Phönix sein können.
Dr. Sedwin saß vor dem Terminal, neben sich einen überquellenden Aschenbecher und eine halbleere Tasse Kaffee. Noonday und Bourke streiften herum, suchten Hinweise, Anhaltspunkte, irgend etwas.
Sedwin hatte so etwas längst gefunden...
Auch wenn er es lieber nicht entdeckt hätte.
Er hatte die Sicherheitskopien der älteren Matrixprotokolle überprüft und dabei festgestellt, daß der Phönix im Rahmen eines reorganisierten Organismusses die Kapazitäten ihm bereits bekannter Organismen übernahm.

Seit Analyse des Fisches war seine Körpertemperatur gesunken, seit der des Kaninchens hatte sich die muskuläre Struktur seiner Hinterbeine verändert und diese Veränderungen hatte er die ganze Zeit über beibehalten.
Der Phönix schien sich stetig zu optimieren.
Sie alle hatten es für den Erfolg des Trainings gehalten, aber ‘Einstein’ hatte niemals eine wirkliche Chance gehabt...
Und dann war da noch die letzte Aufzeichnung der Matrix. Wieder und wieder hatte Sedwin sie abgespielt; es nutzte alles nichts, die letzte aufgezeichnete Struktur war humanoid.
Es war die Solomon Bourkes...
Nathan Sedwin schloß die Augen.
Inzwischen konnte es bereits eine andere Struktur übernommen haben.
Wenn nicht, dann gab es innerhalb der Tunnel, in einem der unterirdischen Räume einen zweiten Bourke...
Ob tot oder lebendig wußte Gott allein.

VII

Sechs Stunden später hatten sie ihn gefunden.
Zusammengekauert und gefesselt hockte Bourke in einer Abstellkammer in einer der unteren Ebenen, wo er offensichtlich während der letzten Tage eingesperrt gewesen war. Das aber überzeugte Sedwin keineswegs davon, daß dies der echte Solomon Bourke war.
Im Verhalten des Phönix war eine Entwicklung zur Tötung ‘niederer’ Organismen zu erkennen gewesen. Weshalb hätte er Bourke also am Leben lassen sollen?
Zum anderen hatte sich seine Intelligenz potenziert. Auch in dieser Hinsicht lag es nahe, daß der Phönix sich selbst eingesperrt hatte.
Dr. Sedwin ließ beide Bourkes mit vorgehaltener Waffe in den großen Kubus schaffen, wo beide unter strenger Aufsicht untersucht wurden. Sedwin erhoffte sich, daß sich das Optimierungsverhalten an dem falschen Bourke nachweisen lassen würde.
Die Untersuchung jedoch verlief ergebnislos. Entweder konnte der Phönix diese Merkmale willentlich ausprägen und zurücknehmen, oder aber er hatte sie verloren...
Und noch etwas anderes stellte sich bei dieser Untersuchung heraus; wenn die Wahl des Phönix im Bezug auf Bourke ein Zufall gewesen war, dann war es ein außerordentlich unglücklicher: Solomon Bourke hatte nicht eine Füllung oder Plombe vorzuweisen, hatte weder Schrauben noch Nägel in den Knochen, noch sonst irgend etwas Anorganisches in sich, das den Phönix hätte verraten können.
Beide Bourkes gaben sich sehr überzeugend als derselbe aus. Wobei es jedoch möglich war, daß sich die Komplexität der Reorganisation sogar auf Erinnerungen und Empfindungen erstreckte... Nach Beendigung der Untersuchungen schloß man den Kubus von außen. Sedwin postierte sich auf der Beobachtungsplattform und ließ den gesamten Stab zusammenkommen.
"Gentlemen. Niemand von uns wird diesen Komplex verlassen, bis dieses Projekt auf die eine oder andere Weise beendet ist. Sie alle wissen, worum es geht. Ich könnte äußere Stellen um Rat fragen, fürchte jedoch, daß die verschiedenen Interessen verschiedener Leute eine Entscheidung unmöglich machen würden. Wir müssen uns eingestehen, daß das Projekt ein Fehlschlag ist. Bei seiner Einstellung muß die Sicherheit im Vordergrund stehen. Ethische und wirtschaftliche Aspekte sind, wie sie alle sicher verstehen, in diesem Fall vergleichsweise irrelevant."
Man nickte, stimmte zu. Alle waren Sedwins Meinung. Worauf er allerdings hinauswollte, wußte während der folgenden Minuten keiner. Bis einer der Assistenten die entscheidende Frage stellte:
"Sie haben also vor, Mr. Bourke zu töten?"
"Auf eine direkte Frage eine direkte Antwort: Ja. Der Tod beider Individuen ist die einzige Möglichkeit, das Projekt mit Sicherheit zu beenden. Nichtsdestotrotz werde ich Mr. Bourke um seine Meinung diesbezüglich bitten."
Sedwin kannte Solomon Bourke. Er wußte, daß er, zumindest der echte seinem Tod unter diesen Umständen unbedingt zustimmen würde, und insgeheim hoffte er, daß die Reorganisation nicht zu perfekt war, sich von ihrem Überlebenswillen leiten ließ und protestieren würde.
Nichts dergleichen.
Beide Bourkes, in ihrem verspiegelten Kubus gefangen, stimmten dem Plan zu. Und das Phönixprojekt wurde beendet.

VIII

Die Tötung der beiden war unmittelbar nach ihrer Zustimmung erfolgt.
Außerdem war von Sedwin die Verbrennung der Leichen bei 1000oC befohlen worden.
Schließlich gab es keine Kontrolle mehr über die senso-analytische Matrix, und nichts, das sich auch nur vage hätte reorganisieren können, durfte von dem Phönix übrig bleiben... Das Wissen um die Notwendigkeit der Hinrichtung schmälerte das Entsetzen unter den Mitarbeitern nur wenig. Selbst Dr. Sedwin und Dr. Noonday hätten all das lieber abgebrochen. Doch jede Verzögerung oder das Hinausschaffen der beiden Bourkes hätte unkalkulierbare Risiken bedeutet. Der Phönix hätte entkommen oder irgendeine Außenstelle hätte die Kontrolle über das Projekt übernehmen können.
Drei Stunden nach der Verbrennung wurde die Quarantäne über die unterirdischen Räume aufgehoben.
Dr. Sedwin erklärte das Projekt öffentlich zum Fehlschlag und wußte, daß er sich gemeinsam mit Noonday für Forschungsgelder in Höhe von 80 Mio. $ würde verantworten müssen.
Abgesehen davon konnte er seine wissenschaftliche Karriere als beendet betrachten.
Nathan Sedwin und Elliot Noonday kamen als gebrochene Männer an die Oberfläche.

EPILOG

Nathan Sedwin schlief schlecht.
Drei Tage, die er mit Verhören, Pressekonferenzen und dem Anhören von Vorwürfen wichtiger Männer zugebracht hatte, waren vorüber.
Er hatte sieben verschiedene Versionen vom Fehlschlag des Projektes geliefert. Für die Presse war Bourke verunglückt, seine Frau hatte Sedwin glauben gemacht, daß alles nicht so schlimm wäre und irgend jemandem hatte er die Wahrheit gesagt.
Nun war er zu Hause.
Er hatte Alpträume und war beinahe dankbar, als das Telefon ihn um drei Uhr morgens aus seinem unruhigen Schlaf riß.
"Dr. Sedwin? Sie müssen kommen, sofort. Es ist ein Notfall."
Die Sicherheitsleute waren nicht mehr da.
Der Fahrstuhl, ein monströser stählerner Wurm der sich hinab in die Tiefe wandt, wirkte beinahe tot, doch Sedwin ahnte Männer in dunklen Anzügen und mit Sonnenbrillen in der Nähe.
Er schlug den Kragen seines Trenchcoats, unter dem er noch immer seinen Pyjama trug, hoch.
Kaum aus dem Fahrstuhl getreten, wurde er von einem Mann im Anzug in Empfang genommen, der ihn wortlos in den Arbeitsbereich führte.
Nathan Sedwin stellte keine Fragen.
Er würde früh genug erfahren was geschehen war. Aber er hatte kein gutes Gefühl.
In seinem Kopf war er bereits alle Möglichkeiten durchgegangen, doch ihm fiel nichts ein, daß seine Anwesenheit hier erfordert hätte, kein Unglück, das im Nachhinein noch hätte passiert sein können.
Um das Rohr zwischen dem Terrarium und der Impfkammer war ein geschäftiges Treiben.
Sedwin sah Wissenschaftler, Männer mit dunklen Sonnenbrillen und Leute, die noch wesentlich wichtiger schienen. Einer der letzteren trat auf ihn zu.
Blitzlichter flammten auf. Die Presse war es sicher nicht.
"Dr. Sedwin? Guten Abend. Ihr Projekt ist außer Kontrolle."
Er mußte noch immer träumen.
"Sie irren sich. Das Projekt ist beendet. Es ist mit absoluter Sicherheit und ohne jeden Zwei... Jesus Christus..." Sedwin Blick fiel auf die Leiche Dr. Elliot Noondays, die man aus der Öffnung im dem Rohr zog. Sein Genick war gebrochen.
Sedwin verstand nicht.
"Er ist seit mindestens vier Tagen tot", stellte der Fremde fest.
Vor zwei Tagen hatte Sedwin an seiner Seite den Fahrstuhl nach draußen verlassen.
"Andererseits ist er heute morgen um acht nach Europa geflogen", führte der Unbekannte weiter aus.
Mit einem Mal wußte Sedwin, daß er nicht träumte.
Der Phönix war intelligent und er war fähig, die Eigenschaften ihm bekannter Organismen zu übernehmen, nicht wahllos, sondern selektiv; die Kiemen eines Fische hätten ihm nichts genützt, auch nicht die Ohren eines gottverdammten Kaninchens. Er hatte auf etwas anderes zurückgegriffen, hatte sich an eine ältere Form erinnert.
"Haben sie eine Idee, wie...?"
"Nein", log Sedwin.
Er war bleich geworden.
Es war zu spät, viel zu spät.
Ein Einzeller begnügte sich kaum damit, sich bloß einmal zu teilen.
Der Phönix breitete seine Schwingen aus...

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