Mario 83 oder was guter Espresso mit Religion zu tun hat

Mario83 hat seinen Weg gefunden.
Früher hat er Erwin Kulatke geheissen. Aber, seit er für die Firma Vicini Espressomaschinen verkauft, hat sich einiges geändert. Vicini hat diesbezüglich strenge Vorschriften. Alles Italienisch. Zwar hätte er sich noch zwischen Rocco93 und Luigi72 entscheiden können, aber das hatte einfach keinen Drive.
Kürzlich hat Mario83 sowohl den Aufbauworkshop für italienisches Auftreten als auch das 10. Vicini Espressocamp mit Auszeichnung abgeschlossen. Inzwischen ist er zum Second Chief Assistant Espresso Salesman aufgestiegen und hat die Vicini Firmenphilosophie vollauf verinnerlicht. Das Leben ist ein Krieg Gut gegen Böse. Kaffee gegen Tee. Das Göttliche Deus Ex Espresso Machina manifestiert sich in weissen Porzellantassen, während Satan selbst sich mit seinen Dämonen in miefig brackigem Teewasser tummelt.
Und aus ebendiesem Grund ist der Verkauf von Espressomaschinen, dem Mario83 sich so rückhaltlos verschrieben hat, weniger ein Beruf als vielmehr ein Kreuzzug gegen das Böse.
Vicini-Vertreter, Kreuzritter der Neuzeit, ziehen so in ihrem schlichten italienischen Gucci-Vespucci Designerhabit durch die Welt um die frohe Botschaft des Koffein zu predigen. Mit Einverständnis der katholischen Kirche wohlgemerkt, hat doch der alte Vicini den Vatikan von den Uffizien bis zum päpstlichen Badezimmer mit Espressomaschinen ausgestattet. Mario83 hat sogar davon gehört, dass Vicini der Jüngere mit einigen liberalen Kardinälen eine Strategie entwickelt haben soll um die religiöse Bedeutung des Espresso herauszustellen. Es geht um das Ersetzen der heiligen Dreifaltigkeit durch eine Vierfaltigkeit: Vater, Sohn, heiliger Geist und eine gute Tasse Espresso. Vicini jedenfalls hat sich bereit erklärt, den Abendmahl-Espresso europaweit zu sponsern. Angeblich gibt es auch einen geheimen Vier-Punkte-Plan der, ausgehend von Grossbritannien, das Zeitalter der grossen europäischen Teetrinkerverbrennungen einleiten soll.
Im Endeffekt also geht es, was auch Mario83 schnell begriffen hat, beim Verkauf von Espressomaschinen um Glauben. Den wahren Glauben. Und natürlich richtig aufgeschäumte Milch. Zumindest was den Latte Macchiato anging. Bevor aber der Tee gänzlich getilgt ist vom Antlitz der Welt, müssen die frommen Knechte des Kaffeepulvers noch viele Espressomaschinen verkaufen. Und dies, dies ist fürwahr der schwerste Teil ihrer Aufgabe.
Allein Mario83 hat dort draussen bereits Tausende von Ignoranten getroffen, die den heilenden Kräften der kompakten Vicini-Espressomaschine in ungläubiger Verblendung entsagten. Sie hatten seinen Kaffee getrunken, gelacht, waren zu ihren Teetassen zurückgekehrt und hatten ihn, gleich einem Märtyrer, mit seiner frommen Maschine allein gelassen. Oh wie sehr fehlte ihnen der rechte Glaube! Er selbst aber, Mario83, hat ihn gefunden. Er ist über den steinigen Pfad alkoholhaltiger Erfrischungsgetränke und die triste Ebene des Tafelwassers in den Garten Eden des Espresso gelangt und hier hat er Beweise gefunden. Zwei unmissverständliche, unumstössliche Beweise, die ihn zu einem bekennenden Espressomaschinenverkäufer gemacht haben.
Im Krieg, in der Liebe und im Espressomaschinenverkauf gibt es keine Regeln. Und was ist ihm die Ignoranz ungläubigen Pöbels. Er hat Beweise. Zudem sind seine Glaubensbrüder nahezu überall und stets bemüht neue Rekruten auszubilden. Dementsprechend dankbar ist Mario83, dass die Brüder ihm einen jungen Kaffeeknappen namens Eros19 zur Seite gestellt haben, der das schwere Gerät für ihn trägt. Sie beide sind die Speerspitzen der gläubigen Kaffeebraukunst. Don Quichotte und Sancho Panza im tollkühnen Kampf gegen die satanischen Teebeutel der Welt. Männer wie sie sind es, die im Kampf des Glaubens in der vordersten Reihe stehen. Und sie wissen mehr als wir gewöhnliche Sterbliche. Wissen um die beiden grossen Geheimnisse, welche die dunkle Welt des Espresso unabwendbar mit der katholischen Kirche verbinden. Zwei unverrückbare Beweise für die Richtigkeit ihres Glaubens.
Zum einen sind es die Espressoflecken auf dem Turiner Grabtuch und zum anderen ist es der Gral in dem sich, entgegen landläufiger Meinungen, die Reste des letzten Espresso Jesu Christi befinden.

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