Der Koboldfürst

Kalt war die Nacht, wie Eis war'n die Sterne
und still war es rund um die Taverne,
aus deren beschlag'nen Fenstern ohne Ziel
ein kläglich schmaler Schimmer fiel,
der dann den Rand des Waldes traf
und dort störte der Kobolde Schlaf.

Es wurde dunkel, wurde später,
in die Taverne strömten Bauern und Städter,
und aus den Fenstern drang
der Säufer Gesang,
der dann den Rand des Waldes traf
und dort störte der Kobolde Schlaf.

Laut wurd' es und, wie Säufer sind,
wurd' es lauter, als plötzlich ein Wind
gerad' auf die Taverne zulenkte
und deren Fenster und Türen aufsprengte.
Keinem der Männer schien klar,
daß dies ein Zeichen der Kobolde war...

Man schloß die Fenster und die Türen,
niemand wollt' wahrnehmen und spüren,
daß Unheil über der Schenke lag.
Und bald würd' es ja wieder Tag.
Doch die Kobolde, all' aufgewacht,
hatten sich ans Werk gemacht.
Unaufhaltbar rann die Zeit
und Mitternacht war nicht mehr weit...

Die Saufkumpane in der Taverne
hörten nicht, wie in der Ferne
loses Blätterwerk sich hob,
sich raschelnd auseinanderschob,
die Kobolde den, der da nun stand, beäugten
und sich ehrfürchtig verbeugten.

Ein Umhang von Blättern, von Gräsern und Sand
umwehte den Kobold, der dort stand,
nun von einem zum and'ren blickte,
sie alle in Richtung Taverne schickte.
Es wandert der Haufen in Reih' und Glied
und sang ein gar schauerlich Koboldlied.

In der Taverne hat's niemand gehört,
keiner hat sich d'ran gestört,
man hat nur gänzlich unbetroffen
gezecht, gesungen und gesoffen.

Die Kobolde, erzürnt, vergrellt,
hatten die Schenke schon umstellt.
Die Uhr schlug zwölf, und mit ihrem Klang
steigerte sich der Koboldgesang.
Als die Uhr den zwölften Schlag dann tat,
ein Fremder energisch den Gasthof betrat.

Dieser Mann war seltsam klein,
schien ein Männchen fast zu sein.
Und während die Zwerge draußen wachten
waren's die Zecher, die laut lachten,
weil über einen Zwergenmann
man wohl straflos lachen kann.

Der kleine Mann sah wie sie lachten,
er wußte genau, was sie jetzt dachten,
doch ihr Schreien, Lachen, Grölen, Singen
brächt' er bald schon zum Verklingen,
denn er war, wie man erraten kann,
wohl kein gewöhnlich' kleiner Mann.

"Was, Kleiner, suchst zu später Stunde..."
fragt einer aus der lust'gen Runde,
"...in diesem Haus voll Männer hier?
Zum Trunke wünschst vielleicht ein Bier?
Tränkst du's, säh' ich gerne zu
ist doch der Krug so groß wie du!"

Der Scherzbold schwebt' bis an die Decke
und landet' unsanft in einer Ecke.
Nun hob der Gnom zu sprechen an,
alles schwieg als er begann,
und von draußen kam Koboldgesang,
der nun an aller Ohren drang,
und ein seltsam merkwürdig Unwohlsein
schlich sich in die Schenke ein.

"Liebe Leute, seid euch gewahr
ich bin der Fürst der Koboldschar.
Dank euch konnt' heut' mein Volk nicht schlafen,
drum komme ich, euch Pack zu strafen."
Keiner im Gasthof wollte mehr lachen,
der Zwerg schien Späße nicht zu machen.

"Verwandelte ich euch in Schweine,
stündet ihr zwar in der Scheune,
doch grunztet in eurem Schweinechor
just so laut als wie zuvor.
Was also soll ich mit euch tun,
auf daß das Koboldvolk kann ruh'n?"

Ein Mut'ger hat sich dann getraut,
sich vor dem Fürsten aufgebaut.
"Zwerg, daß du nicht um dein Leben bangst.
Ein laufender Meter macht mir nicht Angst!"
Der Koboldfürst sah den Mann
mit wildem Koboldblicke an.

"Menschlein, du hast zwar Mut,
hier aber ist das wenig gut."
Der Koboldfürst schwang seine Hand
und der Mann, der vor ihm stand,
ward ein Tier, ganz winzig klein,
verschwand schnell unter 'nem Stein.

Der Fürst fing das Insekt,
hat die Lippen sich geleckt
und ohne viel mit sich zu ringen
tat er die Küchenschab' verschlingen.
"Will noch jemand sich mit mir messen?
Ich denk, ich könnt euch alle fressen."

Betroff'nes Schweigen, angstvolle Gebärden,
gefressen wollte keiner werden.
Doch diesem Winzling sich ergeben?
Nach einem Ausbruch tat man streben,
flüsterte: "Wenn wir uns alle zusammenraffen
können wir es sicher schaffen.

Auf, nehmen wir dem Zwerg
sein schändlich teuflisch Zauberwerk,
Zusammen ist es schnell vollbracht,
nehmen wir dem Troll die Macht!"
Man stürzte sich sodann
einig auf den Zwergenmann.

Doch der verschwand
von wo er stand,
was den Sprung nicht grad' verkürzte
und man vereint zu Boden stürzte,
das Gesicht im Staube rieb
und betroffen liegen blieb.

"Das ist gar nicht nett gewesen,"
schrie zornig der Kobold hinab vom Tresen.
"Nie sollte man stürzen sich
auf einen mächtig Mann wie mich!
Ich denk', es ist genug gezecht,
nun, Menschlein, ergeht's euch schlecht.

Verzeiht, wenn ich zu sagen wag':
mir scheint, daß man mich hier nicht mag.
Ihr mögt mich nicht, mögt aber Wein.
so sollt ihr ihm fortan näher sein,
als ihr ihm je gewesen seid.
Oh, das wird eine schöne Zeit
und so still, daß jeder Koboldmann
fortan in Ruhe schlafen kann...

Die Taverne begann, mit Rauch sich zu füllen,
aus allen Winkeln schien Nebel zu quillen,
und das ganze Haus zitterte, bebte und wankte,
als Koboldmagie sich darum rankte...

Unversehrt war tags darauf der Ort,
nur die Taverne war irgendwie fort,
und dort, wo sie gestanden,
windeten und wanden
ganz bestimmte Pflanzen sich.
Das Ganze war recht wunderlich.

Es war ein Weinstock, der dort stand
und Trauben wuchsen aus dem Sand.
Keine Spur von menschlich' Leben,
wild wuchsen scheinbar die seltsamen Reben.

Doch ganz wild, das kann ich nicht glauben,
irgend wer erntet sicher die Trauben,
es wird gewiß ein Kobold sein,
denn was hier wächst ist Koboldwein.

Und die Moral von der Geschicht',
denn ohne, Freunde, geht es nicht:
Gebt acht, daß ihr die Kobolde nicht stört,
denn wenn ihr erst ihr Liedlein hört
und aus Blättern der Koboldfürst ersteht,
dann ist's meistens schon zu spät.

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