Die Bald des Itzard Honigbier

Das größte Interesse Itzard Honigbiers galt der gefiederten Fauna.
Nicht etwa, daß der Mann Vogelforscher gewesen oder sonst etwas besonderes gewesen wäre, Nein, es war vielmehr gewöhnliche Neugier, die ihn vom ersten Bartwuchs bis in sein heutiges Alter mit allerlei gefiedertem Getier verband. So hingen an den Wänden seiner Wohnung etwa Bilder von Vogelgattungen, von deren Existenz der Durchschnittseuropäer nicht einmal etwas ahnte. Über dem Herd glänzte auf Hochglanzpapier ein wild schillerndes Kolibriweibchen, neben dem Fernseher hing das Bild einiger, laut schimpfende Rabenvögel in einer nebligen Wiese und auf seinem Klo hing das Bild einer, auf einem Bein balzenden Rohrdommel. Letztes hing ein wenig schief, was aber niemals jemand merkte.
Honigbiers einziger Freund - wenn man das denn so nennen konnte - war Freimut Paschulke, der ein ähnliches Hobby wie er selbst pflegte. Paschulke sammelte Vögel und ließ sie ausstopfen. Dementsprechend standen in seinem Wohnzimmer fünf Rotkehlchen, die ihr letztes Zwitschern vor langer Zeit und der Begegnung mit seinem Vogelschrot getan hatten...
Daß Itzard Honigbier sich aber selbst zwischen all den Vogelbildern und trotz Paschulkes Freundschaft noch alleine fühlte, bemerkte er erst spät und als die Blüte seines Lebens fast vorüber war...
Mit den Frauen und der Liebe beispielsweise hatte Itzard es nie leicht gehabt. Erzählte er nämlich von seinen gefiederten Lieblingen, dann hörten die meisten lieber weg als zu. Und dabei waren Vögel das einzige wovon er überhaupt sprach.
Honigbiers Problem löste sich unvermittelt, als er vom sibirischen Frostsperling hörte; dessen Paarungsruf - ein abenteuerliches Aneinanderreihen von Gurgeln, Würgen und Hüsteln - hatte einen verblüffenden Effekt: er wirkte nämlich nicht bloß auf Weibchen der selben Art, sondern - wie einige namenhafte Vogelforscher bewiesen hatten - ebenso auf Frauen...
Kaum daß er dies gelesen hatte, kramte Itzard Honigbier auch schon in seiner Tonbandsammlung. Nach mehrmaligem Anhören schien dieser Ruf ihm nicht einmal schwer zu nachzumachen.
Und wie dann Itzard Honigbier lautstark zu gurgeln, zu husten und zu würgen anfing, da begannen die Leute unter ihm, sich Sorgen um ihn zu machen...
Eines Tages entfuhr der Ruf dem Hals des Itzard Honigbier, als hätte ihn ein Sperling getan. Und die Frauen die das hörten, denen wurde warm ums Herz... Er legte sich - um ungestört zu sein - am selben Tag noch im Stadtpark auf die Lauer, um dort ein hübsches Fräulein abzupassen.
Dieses kam alsbald des Weges. Da hustete und gurgelte und würgte er aus vollem Halse hinter seinem Busch. Und tatsächlich folgte jene Dame seinem Lockruf...
Daß er immer noch alleine war, war eine andere Sache. Wenn er aber auch einsam blieb, so würde Itzard Honigbier unter Zuhilfenahme des neckischen Rufes in Zukunft zumindest seine Wollust befriedigen. Die gute Laune, die Itzard Honigbier von nun an den Tag legte, verstanden weder die Leute unter ihm, noch sein Freund Freimut Paschulke.
Eines Tages, Herbst war es und die Vögel im Begriff nach Süden zu wandern, da widerfuhr dem Itzard Honigbier auf seiner Balz ein schlimmes Unglück.
Als er nämlich von hinter einem dichten Busch eine hübsche Frau bebalzte, kam Freimut Paschulke des Weges und er, der dort den seltenen Frostsperling zu hören glaubte, nahm nun seine Flinte von der Schulter und jagte ein gutes Pfund Schrot in den Busch, um durch eben diesen Schuß sowohl seinen Jagdschein als auch seinen besten Freund zu verlieren

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