Der letzte Frühling

Gestern sind neue Leute gekommen.
'Neue Leute'...
Lange ist es her, aber jetzt kommt wieder Leben ins Haus. Es sind junge Leute, so jung. Auf ihren Gesichtern liegt noch dies verträumte
"Oh, ich werde dich immer lieben" und wahrscheinlich glauben sie sogar noch daran. Aber sie sind ja auch noch jung.
Der Mann ist wie alle Männer. Und auch die Frau hat nichts Besonderes. Die langweiligsten Nachbarn, die man sich vorstellen kann.
Nicht anders als die zuvor.
Wie lang ist das her?
15, 20 Jahre?
Ich kann mich nicht erinnern. Aber man kann sich schließlich nicht alles merken.
Da sind sie nun, die neuen Leute...
Hätte man mich gefragt, ich hätte mir andere Nachbarn ausgesucht. Aber mich fragt ja keiner. Mich hat noch nie jemand gefragt. Nicht das letzte und nicht das vorletzte Mal.
Was soll's.
Gestern hat der Umzug begonnen. Mit dem ersten Stock sind sie beinahe fertig und die meisten Möbel sind wohl auch schon da.
Gestern Abend haben sie es getrieben. Nichts besonderes, das übliche, keine Schleifchen keine Schnörkel. Wie zu erwarten. Obwohl, da war so ein Ausdruck auf ihrem Gesicht... Aber was besonderes ist sie darum wohl nicht.
So wie sie aussehen, machen sie es zwei Mal die Woche und drei Mal wenn sie gute Laune hat. Erkenn' ich auf den ersten Blick. Oft genug gesehen.
Heute ist ein Wagen gekommen.
Sie haben eine Tochter und das Kind ist wundervoll, so wundervoll...
Sie machen es übrigens bloß einmal die Woche und er gibt dabei eine jämmerliche Figur ab.
Es ist nicht unbedingt ein Vergnügen ihnen zuzusehen.
Aber die Kleine... Wie der Wind mit ihrem roten Haar spielt, wie lebendig sie ist und wie sie lacht! Sie hat eine Lücke zwischen den Zähnen und...oh, es ist unglaublich, dieses Mädchen.
Sarah heißt sie, wenn ich es recht verstanden habe; aber die Blätter rauschten so laut, daß ich mir nicht sicher bin.
Wenn nur nicht so viele Äste im Weg wären.
Dieses Kind ist wahrhaft bezaubernd...
Ich kann in ihr Zimmer schauen und tue beileibe nichts anderes mehr. Den ganzen Tag, als gäbe es nichts anderes zu tun, als lohnte es nicht woanders hinzusehen, beobachte ich sie, meine verträumte zwergenhafte Gottheit.
Wenn sie lächelt ist es, als könnte ich durch die Lücke zwischen ihren Zähnen in ihr Herz schauen.
Meine kleine rotgelockte Prinzessin...
Beinahe ist es, als gäbe es ihre Eltern nicht mehr.
Wenn sie vor dem Haus auf der Schaukel sitzt, der Wind, als könnte er sich nicht entscheiden, ihr Haar in alle Richtungen reißt und ihr grünes Kleidchen mir leise Worte zuflattert, wie sie höher und höher schwingt und ich ihre Zahnlücke sehe. Beinahe wird mir lüstern auf meine alten Tage.
Dieses Mädchen ist das Leben.
Heiß und kalt und manches mehr wird mir, wenn sie im Garten tollt. Sie scheint so wenig menschlich, so wunderbar und einzigartig, ich könnte nicht beschreiben, was ich für sie empfinde und müßte wohl, versuchte ich es, erröten.
Meine kleine Prinzessin wächst, , oh ich lasse sie nicht aus den Augen. Wie alt mag sie inzwischen sein? Sechs oder sieben?
Bald werden sich weiche Brüste gegen den grünen Stoff ihres Kleides pressen, wird ein zitterndes Geheimnis zwischen ihren Schenkeln erwachen.
Vermöchte ich es nur, die Zeit voranzudrehen, ich machte ihr Erblühen meinen Tempel und betete zu jenem Mädchen das zur Frau erwacht...
Allein, ich kann es nicht.
Bald aber, bald schon wird es so weit sein und ich werde bei ihr sein, mit jedem Haar das auf dem Hügel ihrer Sehnsucht wächst, mit jedem Gedanken, der sie aus der Kindheit treibt, oh, ich werde bei ihr sein und alles werde ich verfolgen...
Warten, warten.
Die Momente, in denen sie irgendwo im Haus ist und ich sie nicht sehen kann, sind grausam, so grausam. Zwei, drei Stunden sind es vielleicht am Tag, mehr nicht. Den Rest über kann ich sie, wenn ich mich anstrenge, sehen.
Aber es ist so wenig, so unglaublich wenig.
Meine kleine Braut.
Ihr Haar ist nun ein roter Schleier, der die roten Wangen, ihr Lächeln und ihre flüsternde Zahnlücke vor mir verbirgt...
Ich habe nachgedacht.
Sie wird erwachen und ich werde bei ihr sein, aber sie wird andere kennenlernen, wird ihr Geheimnis und ihre Zahnlücke mit anderen teilen.
Ich weiß nicht einmal, ob sie mich überhaupt wahrnimmt.
Aber ich will sie nicht teilen! Will nicht, daß es so zuende geht.
Es ist so viel mehr, als andere ihr geben könnten, kein albernes kleines Begehren, keine tumbe ungelenke Lüsternheit.
Sie ist doch meine kleine Braut...
Da sitzt sie auf der Schaukel, genau wie noch vor einem Jahr, und doch wächst sie so schnell, so unglaublich schnell, wächst fort von mir...
Komm Kleines, komm zu mir, ich will dir etwas zeigen, das du nie zuvor gesehen hast. Komm zu mir, auch, ich hab' ein Geheimnis und ich will es mit dir teilen...
Als Judith Sternert vom Abwasch aufblickte und aus dem Fenster sah, winkte ihre Tochter ihr von der Schaukel aus zu.
Sie lächelte zu ihr hinüber.
Es war so ein natürliches Kind.
Irgendwo im schillernden Schaum des Abwaschwassers verlor sie sich in Gedanken an Morgen, ihre Tochter wenn sie älter war, die erste Regel, den ersten Freund und all die Dinge, die irgendwo weit fern hinter der Schaukel lagen.
Es würde noch dauern, lange dauern, sie war doch erst acht.
Als sie wieder aufblickte, schwang das Brett der Schaukel frei im Wind und von dem Kind war nichts zu sehen.
Die Küste, das Meer, dies war keine ungefährliche Gegend und nicht unbedingt ein Platz für kleine Mädchen, so fuhr es ihr durch den Kopf.
Sie öffnete das Fenster und rief nach ihrer Tochter, erhielt aber keine Antwort.
Im Haus war sie nicht.
Sie lief in den Garten, vorüber an der Schaukel, die verloren wirkte ohne das rote Haar und das flatternde Kleidchen. Sie sah sich um und rief.
Herrgott, sie hätte sie sehen müssen!
Sie hastete über den Rasen, bis zu dem alten Baum. Dahinter lag die Steilküste... Ängstlich beugte die junge Mutter sich über den niedrigen Zaun und atmete auf, als zwischen den Felsen weder grüner Stoff noch rotes Haare flatterte.
Sie blickte zurück zum Haus, das einsam und verlassen auf dem nackten Rasen stand. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung wahrnahm.
Es war das Haar ihrer Tochter und eine Stähne roten Haares wehte, in den Ästen verfangen im Wind.
Sie sah hinauf und über ihrem Kopf, hoch oben in den Ästen des alternden Baumes, da war etwas. Es war nur ein Umriss, ein Schatten den sie gegen die Sonne sah, den Schatten aber umflattert dünner Stoff durch den grün die Sonne fiel.
Als eine Wolke sich langsam vor die Sonne schob, drohten ihr die Sinne zu schwinden; eng hielten die Äste den kleinen Körper umschlungen, gerad’ als ob sie ihn umarmten. Das kleine Gesichtchen war an, beinahe in den Stamm gedrückt und verdreht ragten Ärmchen und Beinchen aus der inniglichen Umarmung heraus.
Rotes Haar wehte in den Ästen im kühlen Wind des Nachmittags und leise rauschten die Blätter, als Judith Sternert neben dem alten Baum in ihrem Garten zusammensank.

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