Twinkledinkle Ferkelbauch

Die Kriege hatten vor langer Zeit schon begonnen, als die Nachricht von der Entdeckung riesiger Goldvorkommen im Inneren der Provinz die beiden mächtigsten Häuser des Landes erreicht hatte, und sie, um ihren Reichtum zu vergrössern, einen Krieg ohne Gleichen entfacht hatten. Die folgenden Jahre hatten den Landstrich Melvin mit den Leibern toter Soldaten überzogen, ohne dass ein Haus dem Siege näher als das andere gewesen wäre. Und ob auch die mächtigen Häuser kurz vor ihrem Ende standen, glänzten die goldenen Schilde und silbernen Schwertschäfte im blutroten Lichte malvinianischer Sonnenuntergänge. Und noch immer schien der Schmuck der Soldaten beinahe so schwer wie ihre Rüstungen. Wenn des Abends dann, die Opfer der Scharmützel, vom Licht des Sonnenuntergangs ein letztes Mal liebkost, verteilt lagen über das blutbenetzte Land, dann nahm Melvin, bevor es den Frieden der Nacht geniessen durfte, noch einen tiefen Atemzug. Und während bald schon ein jeder, Bauern wie Soldaten, in diesem Landstrich schlief, war einer doch wach. Wenn nämlich der Krieg und seine Knechte sich niederlegten, begann Twinkledinkle Ferkelbauch, ein Gnom von kleinem Wuchs, seinen Geschäften nachzugehen. Er sprang über die Schlachtenfelder, an toten Helden vorüber und nahm ihnen alles von Wert und füllte damit seinen grossen Leinensack, wobei er sein leises Lied sang:

„Haus der Emren, Haus der Norgen,
die Waffen ruhen bis zum Morgen,
doch nachts kommt Twinkledinkle Ferkelbauch,
nimmt euer Gold und Silber auch.
Raubt eurer Schätze nicht wenige,
lacht über eure Könige
und beerntet nächtens das Feld,
welches er selbst dereinst bestellt.“

Doch da war niemand, der die Worte des buckligen Gnomen gehört, oder gar verstanden hätte. Es waren viele Jahre gewesen, in denen sie alle jenen kleinen verwachsenen Schemen, der jeden Abend über die tristen, blutgetränkten Felder huschte, übersehen hatten.
Inzwischen war es Winter und die Nächte lang geworden. Und einem letzten Aufbäumen gleich sandten die Häuser Emren und Norgen ihre letzten strahlenden Hundertschaften, das Gold Melvins für sich zu erstreiten. Twinkledinkle war entsprechend geschäftig des Nachts.
In dem Bestreben jedoch, so viel wie eben möglich den Gefallenen zu entreissen wurde er spät eines Nachts unvorsichtig und während seine gierigen kleinen Hände sich nach einem goldenen Schild ausstreckten, hatte sein haariger Schwanz sich an einem schimmernden Speer verschlungen, der unweit von ihm im Boden stak. Der Gnom stürzte und schlug den Kopf sich an dem Schilde an und dort lag er, fluchend, seine gnomischen Knochen und seinen Knöchel betastend, der vor seinen Augen ganz allmählich heranschwoll. Jammernd griff der Zwerg nach seinem Leinensack und humpelte schimpfend in Richtung Horizont.
Er ahnte, dass er seine Höhle nicht vor Sonnenaufgang erreichen würde, wusste, dass er den Tag nicht draussen würde verbringen können und so eilte er an Feldern und Äckern vorüber, bis er plötzlich aus dem Schlot eines Farmhauses einen dünnen Streifen Rauch in den sternenlosen Himmel aufsteigen sah. Humpelnd zerrte er seine Beute über den schlammigen Grund und eilte in Richtung Hütte. Dreimal pochte seine haarige Faust an die Tür, ein langer Schatten fiel über den Gnom und seinen unheiligen Besitz, als kurz darauf ein hagerer, hochgewachsener Mann ihm öffnete. Der Fremde lächelte ihn an und fragte höflich nach seinem Begehr. „Um Obdach bitt ich in frostiger Nacht.“ War Twinkledinkles ehrliche Antwort. „Und keinen Grund gibt es, euch diese Bitte abzuschlagen, kleiner Fremdling. Der Gastfreundschaft Gesetze achte ich hoch. Ist euer Herz frei von schändlicher Gesinnung, tretet ein, mein Gast zu sein in dieser Nacht.“ Mit diesen Worten trat der Bauer zurück und seinen Dank bekundend, zerrte der Gnom seinen Sack ins Innere der Hütte. Die Versuche des Mannes, ein Gespräch mit ihm zu beginnen, quittierte Twinkledinkle mit Unmut. Und kaum dass sein Gast ein Schälchen Suppe von seinem Herd erhalten hatte, hatte auch der Bauer die Sinnlosigkeit seiner Versuche eingesehen, weshalb er sich erhob, um das Lager seines stummen Besuchers zu bereiten. Als er jedoch von der Tafel aufstand, stolpere er über des Gnomen Leinensack, so dass sich plötzlich Gold und Silber, Diamanten und Rubine ins Innere der Hütte ergossen. Und dort stand der Bauer, schweigend, auf jene schimmernden Schätze starrend. Dann beäugte er seinen Gast und alle Freundlichkeit schien schier aus seinem Blick gewichen.
„Ein Plünderer also bist du, ein Räuber, der die Opfer dieses unheiligen Krieges beraubt und an den Toten satt sich stiehlt.“ Rechtschaffener Zorn rumorte in dem gottesfürchtigen Mann, in dessen Auge es kaum verwerflicheres gab als Tote zu berauben. Da war ein Leichenschänder in seiner Hütte, den zu allem Unglück er auch noch selbst hineingebeten hatte. Er ergriff eine Axt, die am Kamine lehnte und schwang sie über seinem Kopf, sie auf den blasphemischen Gnom niedersausen zu lassen. Nur mit Mühe gelang es diesem in Deckung des Tisches zu huschen, von wo aus er sich bemühte, seinen aufgebrachten Gastgeber zum Innehalten zu bewegen. „Wär ich du, ich hielte inne und hütete mich redlich, dem zu schaden, dem mein Leben ich verdanke.“ Für einen kurzen Augenblick stand der Bauer verwirrt inmitten seiner Hütte, dann aber schwirrte seine Axt von neuem durch die Luft.
„Den seligen Eltern allein danke ich mein Leben und keinen Grund gibt es, einen wie dich zu schonen. Empfange deine Strafe schändlicher Zwerg.“ Auch unter diesem Schlage vermochte Twinkledinkle sich hinweg zu ducken. Und fuhr, derweil er weiter vor dem Axtblatt floh, mit seiner Rede fort. „Mmh.. Du solltest dich erinnern. Dein Vater hat es dir erzählt. Dass einstmals beinahe sein gesamtes Vieh verstorben war. Ja, als du auf deinem Weg in diese Welt gewesen bist, drohte Armut ungebetener Gast in deiner Eltern Haus zu werden.“ Plötzlich liess der Bauer seine Axt, beinahe als wäre sie zu schwer geworden, fallen. „Wie bei den Göttern kannst du...“ Mit einem spitzbübischen Lächeln auf den Lippen kroch Twinkledinkle aus seinem Versteck hervor. „Mmh... War da eine Nacht nicht, da dein Vater nachsann, ob seiner Familie Leben gnädig zu beenden nicht das Beste wäre. Und standen, da er dann darüber schlief, nicht am nächsten Tag plötzlich zwölf neue Kühe mit deines Vaters Zeichen auf der Weide?“ Wie gelähmt starrte der Angesprochene zu Boden. Doch der Gnom liess keine Ruhe: „Ich weiss dass du die Geschichte kennst. Hat dein Vater dir erzählt, auf seinem Totenbette.“ „All das kannst du nicht wissen, du bist doch bloss ein gottloser Wicht, ein plündernder Fremder.“ Der Bauer war verzweifelt, er konnte sich des Fremden rätselhaftes Wissen nicht erklären, Tränen standen ihm in den Augen. Twinkledinkle derweil baute sich vor ihm auf.
„Hör zu. Viele Dinge bin ich, und viele Namen gibt es dafür, doch einen Fremden nennen kannst du mich nicht. Denn ich bin dieses Landes Schutzgeist und bin es auch, der vor Jahren diese Kühe euch gesandt. Wer immer Leid erfährt in den Grenzen Melvins, der mag zählen auf Twinkledinkle Ferkelbauch.“ Und stolz klopfte er sich auf seine haarige Brust. Der Bauer aber zweifelte noch immer. „Doch jene Schätze, Blut ist darauf und von den Toten stammen sie. Und so bist du, was immer du auch sonst sein magst ein Plünderer.“ „Mmh... Ganz falsch ist das wohl nicht. Doch bedenke, wer sind jene die ich hier bestehle? Sind denn sie nicht gekommen euer Land zu berauben?“ „Mmh... Recht hast du kleiner Mann.“ Er zögerte einen Moment. „Viele Dinge scheinst du zu wissen. So verrate mir doch, guter Geist, weshalb jene Menschen denn kämpfen um dies Land.“ Der Gnom kicherte böse. „Jene tapferen Toren glauben an Gold in unseren Böden.“ Und er lachte weiter, da der Bauer widersprach. „Aber da ist kein Gold, sind keine Schätze, ein armer Landstrich sind wir. Einzig die Felder lassen, mit Mühe, sich bestellen. Doch dabei herrscht ein raues Klima und steinig ist der Boden. Gold jedoch...“ Er konnte es nicht glauben. „Ich und du und die Bewohner dieses Landes wissen das sehr wohl.“ Mit diesen Worten raffte der Gnom seinen funkelnden Schatz zusammen und lenkte seinen Schritt Richtung Tür. Dort angekommen wandte er sich noch einmal um. Zwei Teile Kuhhaut bat er noch erstehen zu dürfen bevor er ging.
Einige Wochen später waren die beiden mächtigen Häuser am Ende. Und im Angesicht des Ruins gaben sie den Kampf um die Region Melvin auf. Wenige Tage darauf erschienen in den schimmernden Schlössern von Dugen und Kehil Boten und brachten Nachricht von einem Diamantenfund in den Grenzen Melvins. Die beiden Nachrichten waren jeweils auf Kuhhaut geschrieben und mit keinerlei Signum versehen. Doch das hielt jene beiden Häuser nicht davon ab, einen Krieg ohne Gleichen anzufachen um ihren Reichtum zu vergrössern.

„Ooh... Haus Dugen, Haus Kehil.
Neue Narren für mein Spiel.
Nachts kommt Twinkledinkle Ferkelbauch.
Nimmt euer Gold und Silber auch.
Raubt eurer Schätze nicht wenige,
lacht über eure Könige
und beerntet nächtens das Feld,
welches er selbst dereinst bestellt.“

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