Fahren mit Godot

oder
Es fährt ein Zug nach Nirgendwo...

Für gewöhnlich – dies einmal vorausgeschickt – wäre Großkorbetha keine Haltestelle, die auf der Strecke Berlin Leipzig läge. Wenn aber die Deutsche Bahn ganz tief in ihre Trickkiste greift und ihr ganzes Verspätungsimprovisationstalent auffährt, dann wird einiges möglich.

Um die Fahrgäste auf die kommenden Ereignisse einzustimmen, beginnt die Deutsche Bahn an diesem Abend mit klassischen entspannten 10 Minuten Verspätung. Und während die Fahrgäste sich am Bahnsteig schon einmal mental aufwärmen können, praktiziere ich einige Atemübungen, die ich im Lauf zahlreicher Jahre Verspätungserfahrung entwickelt habe und betrete schließlich bei Eintreffen des Zuges den Speisewagen, um etwaigen Reservierungsfetischisten und einer servicelosen Fahrt zu entgehen. Hier ausharrend und die ruckartig verheißungsvolle Anfahrt des Kolosses erwartend, verharre ich noch einmal gute zehn Minuten in einer fernverkehrstechnischen Warteschleife, deren Krönung ein erregter Schaffner ist, der in erregtem Lautsprechermonolog schildert, wohin dieser Zug nicht fahren wird. Auf diese Weise sollen wahrscheinlich marodierende Neuankömmlinge zurechtgewiesen werden, die diesen Zug nach 15 Minuten verständlicherweise mit dem darauf folgenden verwechseln.
Doch es ist nicht das letzte Mal, dass die Anwesenden die Liste jener nicht anzufahrenden Städte vernehmen, einem Mantra gleich betet der Mann sie von nun alle paar Minuten herunter, bis der Zug sich schließlich doch in Bewegung setzt.
Verborgen in jenem Mantra aber verbirgt sich bereits das magische Wort, welches das Raumzeitkontinuum und die Realität zu krümmen vermögen wird:
Stellwerksschaden.
Aber ich möchte nicht vorgreifen.
Der manische Schaffner hält also einen kleinen Vortrag zum Thema Stellwerksschaden und erwähnt nun zum ersten Mal auch Großkorbetha. Großkorbetha, das Mekka der Zugverspätungen, das Shangri La der Bahnfahrt, der mythische Elefantenfriedhof, jener Ort hinter den Schienen, zwischen hier und Wunderland, den kaum einer je für wirklich gehalten hat.
Und auf den staunenden Gesichtern der Reisenden gleitet der ICE 1514 dahin, durch die Nacht, in Richtung Großkorbetha, wo Milch und Honig fließen und die Luft vom Zauber vergnüglicher Verspätung vibriert.

In Gedanken bereits jenen Ort und eine neue Bewusstseinsstufe erreicht habend, schießt mir plötzlich ein prophetischer Songtext durch den Kopf: „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“…
Ich lasse meine Blicke im Raum schweifen und muss erkennen, mit wie viel Gleichmut die meisten Anwesenden ihr Mobilitätsmartyrium zu erleiden gewillt scheinen. Augenscheinlich hat die Bahn ihren Willen durch zahllose Verspätungen gebrochen. Und am Ende dieser Gehirnwäsche steht die vermeintliche Gewissheit, dass es nicht lohnt sich aufzuregen.
Ich freilich, übermütig und meiner ungestümen Jugend kaum entwachsen, rebelliere! Gewiss, die Pilgerfahrt in die spirituelle Hochburg ist verlockend, doch fühle mich ich mich reif dafür? Berlin, ja, das schaffe ich, aber Großkorbetha?

Der manische Schaffner unterbricht meine undankbaren Gedankengänge mit einer beherzten Kontrolle, die für ihn weniger angenehm als für mich ausfällt. Humorvoll versucht er schäbige Entschädigungsgutscheine zu verteilen, muss sich dabei aber den kritischen Fragen verspätungsunwilliger Fahrgäste stellen. Nicht auf jede Frage hat er eine Antwort und um Freundlichkeit und Fassung bemüht kämpft er sich durch den Speisewagen.

Und da ist es schließlich: Großkorbetha.
Kein weißes Licht, keine Engelschöre, einfach bloß Großkorbetha. Erleuchtung für Anspruchslose.
Kaum, dass wir diesen Ort Minuten später verlassen, werfe ich einen Blick auf meinen Entschädigungsgutschein und dringe in die Mysterien der komplexen Wiedergutmachungsmechanismen der deutschen Bahn ein:
Früher verteilte man problemlos einlösbare Gutscheine, die den Fahrgast ab einer Stunde Verspätung mit dem Gegenwert von 10 Euro besänftigen sollten. Ob auch dies schon als Minimalkulanz gewertet werden könnte, beinhaltet die neue Verspätungsentschädigung noch einen Hindernislauf mit Zwischenstopps: Der Fahrgast muss nunmehr einen hochkomplexen Gutschein ausfüllen und darüber hinaus seinen Fahrschein nebst Bahncard kopieren. Hernach darf er auf maximal 20% seines Fahrpreises hoffen.
Für den Großteil der Anwesenden, deren entbehrungsreicher Weg sie von Leipzig bis nach Berlin führt, beläuft sich die Summe bei Besitz einer Bahncard und schlußendlichen hundert Minuten Verspätung auf ausufernde 4 Euro.
Außerhalb der Bahnrealität bedeutet das vielleicht einen Döner mit Cola, innerhalb derselben muss man sich den Döner leider wegdenken.

Plötzlich wird ein neuerlicher Halt angekündigt. Aber einmal mehr handelt es sich weniger um Berlin als vielmehr um Halle. Halle an der Saale. Zeitplantechnisch sicher nicht das Optimum, aber dafür wird der Zug, wie uns die Stimme des Schaffners aus den Lautsprechern hallend versichert, zumindest nicht davor oder dahinter, sondern am Bahnsteig zum Halten kommen, wo uns überdies noch ein kleiner Polizeieinsatz den Aufenthalt versüßen soll.
Meine Mutmaßung, dass irgendjemand wahrscheinlich den Zugführer gelyncht hat, wird im Inneren des Speisewagens für durchaus möglich erachtet.

Als der Zug dann auch Halle verlässt und Großkorbetha bloß noch blasse Erinnerung ist, retten die Fahrgäste sich in Galgenhumor: man scherzt, und hofft zumindest am nächsten Tag in Berlin anzukommen, rechnet die üppige Entschädigung der Bahn gegen einen üblichen Stundenlohn und amüsiert sich über den Schaffner, der in der Rolle des Rodeoclowns noch manch originelle Durchsage macht. Preisverdächtig die motivationslos vorgetragene Liste der Verspätungsgründe: Nach einem Stellwerksfehler, einem unplanmäßigen Halt in Halle und einem Polizeieinsatz beträgt unsere Verspätung 85 Minuten.
Und während die Bahn dieses Prachtergebnis noch auf 100 Minuten ausweitet, eilt besagter Rodeoclown beim folgenden Zwischenhalt aufgeregt durch den Wagen und ruft verzweifelt: „Steigen Sie bitte nicht aus, wir wechseln bloß den Zugführer!“
Also noch einer gelyncht.

Und dann kommt es doch noch in Sicht: Berlin.
Durch einen außerplanmäßigen Halt in Berlin Schönefeld soll noch ein wenig gute Laune verbreitet werden, und dann werden endlich doch noch Ostbahnhof und Zoo fortgefahren, wo die Galeerensklaven schließlich nach dieser entbehrungsreichen Pilgerfahrt hängenden Hauptes von Bord gehen.

Man mag uns verhöhnen, man mag uns verlachen.
Wir aber haben Großkorbetha gesehen.
Und ihr habt wahrscheinlich noch nicht einmal davon gehört…

Copyright bei Christian von Aster, Midas Publishing Berlin