Adam

Wie in all den Jahren zuvor gab es auch in jenem Jahr im ganzen Dorf nur eine Frau. Das war die des ersten Adams. Der Rest - alle 72 - waren Männer, die Adam hießen oder sich zumindest so nannten.
Dies waren die Adamiten.
Ihre Gemeinschaft war in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts von einem gewissen Aaron Tischner begründet worden, der ein sehr frommes Leben geführt und bereits im Alter von zwölf Jahren im Beichtstuhl eine Vision gehabt hatte. Adam selbst war ihm erschienen. Adam, wie Gott ihn schuf, ein fahlhäutiger, hübscher Mensch, nackend und voll unbändiger Unschuld in seinem Blick. Wie hatte der Knabe sich erschreckt und war weggelaufen, weggelaufen vor seines Gottes eigenem Sendboten!
Doch die Vision hatte ihn verfolgte und mit siebzehn hatte Tischner sich der Erscheinung gestellt.
Sonderlich und wunderbar waren dieses ersten Menschen Worte gewesen, er kannte und kündete den Weg zurück ins Paradies. Lang war er vergessen, lang der Mensch vertrieben von den Toren Edens, den Weg zurück aber gab es!
Tischner - der Auserwählte - hatte sich von diesem Tag an Adam genannt und nicht mehr getrunken noch geraucht. Auf den Märkten und vor den Schänken hatte er von seiner Vision gesprochen und die Menschen in hoffnungsvolle Fesseln auf seinem Weg zurück nach Eden geschlagen.
Die Adamiten hielten sich lange und durch sie entstanden bald das erste und zweite Buch Adam.
Sie waren Brüder in Adam, lebten nach seinem Geheiß und alles was sie taten, hätte man nachlesen können im ihren Büchern.
Adam Horvat, der erste der Gemeinschaft dieser Tage, war vor zehn Jahren im Traum der Tischner erschienen und hatte ihm die Geburt des wahren Adam, ersten, des Paradieses würdigen Menschen vorausgesagt. Zeugen würde ihn Horvat mit Eva und aus den Reihen der Adamiten würde, wie Gott es wollte, der neue Mensch erstehen.
Tatsächlich wurde dem ersten des Dorfes ein Sohn geboren von seinem Weib. Doch war das Kind von ungeschlachter Art, falschem Wuchs und seine Nase bis auf die Löcher kaum vorhanden.
Das war der neue Mensch nicht, dessen war das Dorf sich sicher und sie nannten ihn Kain. Doch sie ließen ihn in ihrem Dorf und liebten ihn fast wie einen Adam.
Und von dem Tag an da Kain geboren war, lehrte man ihn Adam zu sein.
Mit fünf sprach und lebte er ihre Gebote, kannte das erste Buch mit sieben und sprach das zweite auswendig mit acht.
Er war nicht viel begabt der kleine Kain, doch aufgeweckt in seinen Grenzen. Er sah die Adamiten und ahnte auch ihr Innerstes dabei. Deutlicher als jeder am Dorf schmeckte Kain die Einsamkeiten Adams. Als einziger im Dorf und weil er nicht den Namen aller führte, sah er bei aller Erfüllung den winzigen Dorn Traurigkeit in ihren Augen. Sie waren allein und sehnten sich nach Liebe und Nähe.
Beides wartete im Paradies.
Das lehrten die Bücher Adam.
Einmal nur kam es vor, daß die Einsamkeit stärker war als einer der ihren. Adam Schrant fand man an einer der Scheunen erhängt und einen Brief bei seinen Füßen. Man begrub ihn und las den Brief nicht.
Es gab keine Rechtfertigung für seine Tat. Den Freitod verbot das zweite Buch.
Der kleine Kain jedoch hatte den Zettel aufgehoben und nachts bei Kerzenschein gelesen. Und da hatte die Einsamkeit geschrieben gestanden, mit Tinte auf Papier, wie die Bücher, und er hatte sie nicht übersehen können...
Kain sah das Dorf wachsen und blühen, folgte dem Wechsel der Jahreszeiten und lernte seine Brüder schätzen. Sichel und Sense hatte er schwingen gelernt und war nützlich geworden statt schön.
Zehn Jahre zählte er, als Adam Horvats Liebe einen neuerlichen Knaben gebar. Von anmut'ger Gestalt war dieser, sein Gesicht von schönem Wuchs und das ganze Dorf, allen voran Kain, liebte den Knaben.
Es war der neue Mensch!
Ein jeder war sich da gewiß, der eine Adam wie der andere und ihr Sehnen nach dem Paradies trug dieses Neugeborenen Gesicht.
Rührend sorgte Kain für seinen Bruder.
Der mißgestalte Knabe wusch ihn, gab ihm die Flasche, trieb die Hunde aus der Hütte und hieß das Dorf schweigen wenn er schlief.
Eines Nachts verschwand er aus dem Dorf.
Nie zuvor hatte er so etwas getan, aber dieser Tag war anders als je einer zuvor. Kain brach das Gesetz!
Er hastete, ein kleines Leinenbündel im Arm, durch das hohe Gras, fiel hin, raffte sich auf und rannte weiter.
Nie hatte er das Gesetz gebrochen, nie und nimmermals zuvor, aber es mußte sein!
Es mußte, konnte nur im Sinne Gottes sein.
Adam würde nicht einsam sein, nicht er. Er würde nicht an seiner Traurigkeit sterben, nein, er, Kain würde es zu verhindern wissen!
Mit der Sichel hatte er umzugehen gelernt.
Er faßte nach dem Bündel und drückte es an sich.
Es war nicht mehr als eine Rippe und klein war sie, aber gewiß würde sie reichen.
Sein Bruder würde nicht einsam sein...

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